Inkubatoren - Brutkästen der Medienindustrie Inkubatoren - Brutkästen der Medienindustrie
24. Juli 2015 Dr. Dominik Faust

Inkubatoren – Brutkästen der Medienindustrie

Startups sind innovativ, dynamisch und in der Regel mittellos. Ihren Finanzbedarf haben früher Banken und Sparkassen gedeckt. Heute gibt es Inkubatoren, Venture Capitals, Business Angels, Accelerator, Company Builder, Crowdfunder. Seit wenigen Jahren kommen Geldgeber für Startups auch aus der Medienindustrie, insbesondere aus der Reihe der Top 10 Medienkonzerne Deutschlands. In einer zweiteiligen Serie stellen wir zunächst einschlägige Inkubatoren der Medienbranche vor, der zweite Teil widmet sich dem Thema Accelerator. Wir klären die Unterschiede, wer dahinter steckt, welche Investment Strategien sie haben und wie bzw. mit wieviel Geld sie Startups unterstützen.

Inkubatoren sind Unternehmen, die sich an Startups bereits in der Scratch- oder Seed-Phase finanziell beteiligen, ihnen Infrastruktur, eigene Kompetenzen sowie Zugang zu ihren Netzwerkpartnern zur Verfügung stellen. Der derzeit bekannteste Online-Inkubator in Deutschland ist die 2007 von Marc, Alexander und Oliver Samwer gegründete Rocket Internet SE mit Sitz in Berlin. Zu ihren Beteiligungen gehören Marken wie Zalando, Home24 und Westwing. In der Medienbranche tummeln sich ebenfalls einige Startup-Brutkästen, wie die folgende Auswahl zeigt.

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Die SevenVentures GmbH ist eine 100-prozentige Tochter des drittgrößten privaten Medienkonzerns in Deutschland, der ProSiebenSat.1 Media SE. SevenVentures fördert vorrangig Online-Startups, die bereits eine gewisse Marktreife erreicht haben. Denn das Geschäftsmodell besteht darin, den Startups Werbezeiten in den Konzern-eigenen Online-Plattformen und Fernsehsendern (ProSieben, SAT.1, kabel eins, sixx, SAT.1 Gold, ProSieben MAXX) gegen Beteiligungen entweder am Umsatz (Media-for-Revenue-Share) oder am Stammkapital (Media-for-Equity-Share) zur Verfügung zu stellen. Die potenzielle Reichweite für die Startups beträgt über die European Media Alliance 200 Mio. Haushalte in Europa. Dieses Beteiligungsmodell verdeutlicht unter anderem, wie TV-Anbieter von E-Commerce profitieren können. Die SevenVentures GmbH verantwortet die E-Commerce-Angebote der Sendergruppe.

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SevenVentures investiert in Unternehmen, die schnell und dynamisch wachsen und innerhalb weniger Jahre Marktführer in ihrem Segment werden können. Dabei handelt es sich in der Regel um sog. Growth-Stage-Unternehmen, die bereits über stark wachsende Umsätze und eine skalierbare Infrastruktur verfügen.
SevenVentures investiert bis zu 15 Mio. Euro eigener Mittel in ein Unternehmen und hat dadurch freie Hand bei der Ausgestaltung der Investstruktur, der Ticketgröße sowie der  Beteiligungsdauer. Für größere Investitionen nutzt SevenVentures zusätzlich institutionelle Investoren und Family Offices.
Startups können über diese E-Mail-Adresse weitere Informationen zu SevenVentures erfragen: info@sevenventures.de.

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Im August 2014 legte die Bauer Media Group, auf Platz 5 der größten privaten Medienkonzerne des Landes, einen Fons in Höhe von 100 Millionen Euro zur Förderung von Startups auf. Der Fokus der Bauer Venture Partner GmbH in Hamburg liegt primär auf Digital Media, Content Platforms, Consumer Apps, E-Commerce Marketplaces, Consumer Finance, Content Management, Advertising & Marketing. Ihr Credo: „We love Mobile, data-driven, scaling through technology“.

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Bauer Venture Partner versteht sich als strategischer Partner, der in Hightech-Startups in der Early- und Growth-Phase investiert, jedoch ausdrücklich nicht in der Seed-Phase. Bauer fördert zwar Branchen-unabhängig, doch „disruptive tech in fast growing markets is what gets us really excited“.
Über die Höhe der Investitionen macht Bauer Venture Partners keine Angaben auf der Website. Nach Informationen von Deutsche Startup soll die Finanzierung jedoch bei Early-Stage Invests zwischen einer und drei Mio. Euro liegen. Für Growth-Investments stehen demnach zwischen fünf und sieben Mio. Euro zur Verfügung. Der Fonds sei auf zehn Jahre ausgerichtet, in den ersten fünf Jahren sollen insgesamt rund 50 Mio. Euro fließen.
Startups können über diese E-Mail mit Bauer Venture Partners in Verbindung treten: info@bauerventurepartners.vc
HV_300
Im Jahre 2000 betrat HV Holtzbrinck Ventures Adviser GmbH als Ausgründung des sechsgrößten Medienkonzerns in Deutschland, der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck (GvH), den VC-Markt. Seit 2010 und damit ein Jahr nach der Umstrukturierung der Verlagsgruppe GvH, agiert die Kapitalgesellschaft eigenständig. Investiert hat Holtzbrinck Ventures unter anderem in bekannte Marken wie Flixbus, Zalando, Experteer, Parship oder Audible. Zuletzt beteiligte sich Holtzbrinck Ventures an der bereits erwähnten Rocket Internet SE der Samwer-Brüder.

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Holtzbrinck Ventures investiert in Startups in der Seed- und Early-Stage-Phase. Insbesondere bei Investitionen in der Early-Stage-Phase legen sie Wert auf herausragendes Management, das bereit und in der Lage ist, neue Wege zu gehen.
Holtzbrinck Ventures kooperiert bei der Finanzierung mit etablierten Finanzinvestoren, übernimmt dabei die Rolle des Lead- oder Co-Investors. Der Umfang der Investitionen reicht in der Regel von 500.000 Euro bis zu 2,5 Mio. Euro. Über mehrere Runden hinweg kann das Volumen auf bis zu 40 Mio. anwachsen.
Startups können ihre aussagekräftigen Unterlagen über diese E-Mail an Holtzbrinck Ventures senden: businessplan@holtzbrinck.net.
DVHVentures_300
Die Dieter von Holtzbrinck Ventures GmbH wurde 2014 gegründet. Die Corporate Venture Capital Gesellschaft flankiert nach eigenen Angaben „die digitalen Entwicklungen der Beteiligungsunternehmen“ der Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH (DvH Medien). Dazu zählen die Verlagsgruppe Handelsblatt in Düsseldorf (Handelsblatt, Wirtschaftswoche), der ZEIT Verlagsgruppe in Hamburg und der Tagesspiegel-Gruppe in Berlin. Genau im Zugang zu diesen Medien bzw. ihren Nutzern u.a. in Form von Medialeistungen liegt der Mehrwert, den auch DVH Ventures Startups bietet.

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DVH Ventures beteiligt sich an wachstumsstarken Unternehmen in einer frühen Unternehmensphase. Primär investiert DVH Ventures in Seed- und Early-Stage-Phasen.
DVH Ventures kooperiert bei der Finanzierung mit anderen Finanzinvestoren. Der Umfang der Investitionen beträgt in der Regel bis zu 500.000 Euro pro geförderter Phase. Hinzu kommen Investitionen in Form des Zugangs zu Lesern und Management Support.
Pitch-Decks und Businesspläne können über diese E-Mail an DVH Ventures gesendet werden: deals@dvhventures.de
VogelVentures_300
Abseits von den großen Konzernen der Medienbranche investieren auch kleine, mittelständische Medienunternehmen in Startups. Eines davon ist die Vogel Business Medien GmbH & Co. KG (VBM) aus Würzburg. In ihrer Berliner Tochter Vogel Ventures GmbH bündelt sie seit rund eineinhalb Jahren ihre Investitionen in Startups. Im Unterschied zu den bisher vorgestellten Inkubatoren und Medienkonzernen verfügt VBM als Business Information House nicht nur über 100 Fachpublikationen, sondern über riesige, branchenspezifische Datenmengen. Der Grundstein für diese Big-Data-Sammlung reicht über 120 Jahre zurück. Damals gründete Carl Gustav Vogel ein Anzeigenblatt namens MM Maschinenmarkt, legte eine Adressdatei mit Karteikarten auf, akquirierte zielgruppenspezifische Anzeigen und garantierte durch seine Papier-Datenbank, dass die Werbung bei den Zielgruppen ankam. In die digitale Welt von heute übertragen, würde der damalige Streu- und Wechselversand („controlled circulation“) dem Prinzip von Internetsuchmaschinen wie Google entsprechen.

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Vogel Ventures investiert in innovative Startups von der Seed-Phase bis zur letzten Wachstumsfinanzierungsrunde mit Kapital, Media-for-Equity und Management-Leistung. Dabei ist insbesondere das Non-Kapital-Angebot des Inkubators interessant. Denn die Mutter VBM produziert, vermarktet und vertreibt über 100 Publikationen (Print, Digital, Mobile). Hinzu kommen Live-Events in Form von Fachmessen, Fachkongressen etc. mit direktem Zugang zu Entscheidern aus den Branchen Industrie, Automobil & Mobilität, Informationstechnologie und Recht/Wirtschaft/Steuern, B2B-Kommunikation und CSR.
Vogel Ventures setzt bei der Förderung sowohl auf reine Cash Investments als auch auf eine Mischung mit dem Modell Media-for-Equity-Share. Grundsätzlich ist damit ein Investment nicht von einer Mediakomponente abhängig. In der Business-Angel- und Seed-Phase fördert Vogel Ventures Startups mit Kapital zwischen 25.000 Euro und 300.000 Euro. In späteren Phasen hängt die Beteiligungshöhe im Wesentlichen davon ab, wie gut das Startup zum Vogel-Portfolio passt.
Startups können ihre Pitch-Decks über diese E-Mail an Vogel Ventures senden: ventures@vogel.de

 

FlyingElephant_300
Ein weiteres Projekt abseits der Top 10 Medienkonzerne ist Flying Elephant Media Force, ein Förderprogramm des primär Technologie-getriebenen Berliner Investors WestTech Ventures GmbH. Das Besondere am Inkubatoren des fliegenden Elefanten ist die Ausrichtung auf mediennahe Startups. Dafür gibt es einen guten Grund, denn das Unternehmen selbst hat ebenfalls einen medialen Hintergrund. Es handelt sich nämlich um eine Ausgründung der S&S Media Group, eines Medienhauses für die IT-Industrie. 2013 bündelte S&S-Gründer Masoud Kamali in WestTech die bereits seit 2008 getätigten Investments seines Frankfurter Corporate Publishing House.

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Das Project Flying Elephant Media Force investiert in innovative Startups aus den Bereichen New Media & Media Technology. Dabei handelt es sich um zwei, auch finanziell unterschiedlich ausgestattete Förderprogramme. Weibliche Gründer werden von Media Force übrigens besonders gefördert.
Media Force investiert mit seinem New Media Programm Gründer (!) mit 2.000 Euro pro Monat. Das Programm ist auf drei Monate angelegt, kann jedoch auf sechs Monate verlängert werden. Pro Startup können bis zu drei Gründer Förderung beantragen. Dazu kommt mietfreies Arbeiten im Office Space in Berlin, Mentoring durch Partner sowie IT-Infrastruktur inkl. Plattform- und App-Entwicklung. Innovationen im Bereich Media Technology werden mit dem zweiten Programm gefördert. Hierbei sind bis zu 25.000 Euro pro Startup (!) möglich , wobei sich Media Force im Gegenzug am Stammkapital des Startups beteiligt.
Startups können sich nach einer Registrierung via Mail, Facebook oder LinkedIn für die beiden Media Force Programme (New Media und Media Technology) bewerben. Die nächste Finanzierungsrunde beginnt am 1. Oktober 2015, Bewerbungsschluss dafür ist der 15. August 2015.

Bertelsmann, Springer, Burda, Funke

An der bisherigen Liste fällt auf, dass die beiden größten privaten Medienkonzerne des Landes, Bertelsmann und Axel Springer, nicht aufgeführt sind. Auch der viertgrößte private Medienriese, die Hubert Burda Media, fehlt. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Während Burda gar keinen Inkubator haben will, haben Bertelsmann und Springer ihre Inkubatoren bereits wieder eingestellt. So beendete Bertelsmann bereits vor über einem Jahr sein erst 2012 gestartetes Intrapreneur-Programm namens Bevation. Damit förderten die Gütersloher Startups, bei denen Bertelsmann-Mitarbeiter Gründerfunktionen übernahmen. Kapitalflüsse in Startups gab es nicht, das mag der 2006 gegründeten Bertelsmann Digital Media Investments Inc. (BDMI) vorbehalten sein. Rund ein halbes Jahr nach Bertelsmann machte auch der zweitgrößte private Medienkonzern des Landes, die Axel Springer SE, seinen Inkubator namens Ideas Ventures zu. Springer bleibt aber über seine Beteiligung am Projekt A im Inkubator-Geschäft. Auch von der Funke-Gruppe (Platz 7) sind aktuell keine Brutkasten-Aktivitäten bekannt. Aus dem bereits 2008 (!) mit Madsack zu gleichen Teilen gegründete MediaLab hat sich Funke 2013 wieder zurückgezogen.

Return on Investment

Inkubatoren brauchen eigentlich einen langen Atem. Denn die Profitabilität von Startups lässt unter Umständen auf sich warten. Das Portfolio von Rocket Internet liefert dafür etliche Beispiele. Eines davon ist Europas größter Online-Modehändler Zalando. Der E-Commerce-Riese wurde 2008 gegründet, wuchs schnell im Umsatz, schrieb jedoch erst 2015 erstmals in einem ersten Quartal schwarze Zahlen. Ähnliche Erfahrungen mussten manche Firmen bereits zur Jahrtausendwende machen, als schon einmal kräftig in die New Economy investiert wurde.

Doch was treibt Medienkonzerne an, sich als Inkubatoren zu betätigen? Im Vordergrund stehen natürlich wirtschaftliche Interessen. Die Investitionen sollen sich am Ende auszahlen, zumindest in der Summe. Aber es gibt noch andere Motivationen. Eine besteht in der Erkenntnis, dass große Organisationen nicht über die Innovationskultur sowie über die Veränderungskompetenz verfügen, die in einer Zeit technischer Umbrüche und innovativer Disruptionen überlebensnotwendig geworden sind. Die gilt auch und gerade für Medienunternehmen. Indem sie sich nun an Startups beteiligen, können sie sowohl von deren Entwicklungen etwa in Form neuer Geschäftsmodelle profitieren als auch von deren Unternehmens- und Unternehmerkultur. Dies stärkt mittel- bis langfristig ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit.

Titelbild: Anne-Lise Heinrichs (http://www.flickr.com/photos/snigl3t/414712990/) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

Update: In der ersten Version fehlte zunächst die Bauer Venture Partners GmbH.

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About the Author

Dr. Dominik Faust Dominik verfügt über langjährige Expertise und etliche Zertifikate in Leadership, Change Management und digitale Kommunikation. Im Top-Management hat er selbst Unternehmen restrukturiert sowie zahllose Prozesse und Strukturen optimiert. Er promovierte über notwendige Veränderungen internationaler Organisationen zur Steigerung ihrer Effektivität und Effizienz. Dominik ist Dozent für Change Management und digitale Kommunikation an mehreren Hochschulen. Auf diesen Gebieten berät er seit Jahren Manager auf C-Level.

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