Bits and Pretzels goes Automotive - Digitalisierung Bits and Pretzels goes Automotive - Digitalisierung
2. Oktober 2016 Dr. Dominik Faust

Bits & Pretzels goes Automotive

Andreas Bruckschlögl, Dr. Bernd Storm und Felix Haas können stolz auf sich und ihr Team sein: Innerhalb von vier Jahren haben sie aus einem Weißwurstfrühstück für Münchner Startups mit kaum mehr als einhundert Teilnehmern eine der angesagtesten Gründer-Konferenzen mit über 5.000 Gästen gemacht. Das Besondere an der seit 2014 „Bits and Pretzels“ genannten Veranstaltung ist der Geist, den sie atmet. Auf ihr kommen Menschen zusammen, die Lösungen für alltägliche Probleme entwickeln oder entwickeln wollen. Sie arbeiten in kleinen Teams, sind wendig, voller Tatendrang und häufig unbeirrbar. Nicht immer stammen sie aus der Branche, in der sie ein Problem identifiziert haben. Und häufig genug verbinden ihre Entwicklungen mehrere Branchen miteinander.

Das Beispiel Automobilindustrie

Mit ihren Startups treiben sie etablierte Unternehmen vor sich her. Das sieht man zum Beispiel in der Automobilindustrie. Dort kennt mittlerweile jeder die jungen Mobilitätsdienstleister Uber, Lyft oder Gett. Auch hierzulande entwickeln innovative Gründer Angebote zur Optimierung der individuellen Mobilität. So will zum Beispiel die Firma Door2Door die Nutzer des öffentlichen Personennahverkehrs von Zuhause mit speziellen Autos abholen lassen und zum gewünschten Bahnhof oder zur Haltestelle bringen. All diese Startups haben erkannt, dass sich junge Menschen heutzutage nicht mehr über ein eigenes Auto definieren. Sie wollen vielmehr mobil sein und schnell, sicher und günstig von A nach B gebracht werden – gerne unter Zuhilfenahme unterschiedlicher Verkehrsträger. Ihre Schlussfolgerung und Prognose lautet daher, dass herkömmliche Autobauer in den nächsten zehn bis 15 Jahren überflüssig werden.

OEMs im Überlebenskampf

Dass diese Entwicklung eine existenzielle Bedrohung für die Automobilindustrie darstellt, hat sie längst erkannt. So sagte Peter Schwarzenbauer, Mitglied des Vorstands MINI, Motorrad, Rolls-Royce Aftersales der BMW Group, am 1. Oktober 2016 auf einem Kongress in München, dass sich seine Branche aufgrund der Digitalisierung bereits „im Überlebenskampf“ befinde.

Folgerichtig versuchen die OEMs, sich vom reinen Autobauer zum Mobilitätsanbieter weiterzuentwickeln. Volkswagen hat dazu das Electronics Research Laboratory (ERL) im Silicon Valley errichtet und forscht an Themen wie Vernetzung, Digitalisierung, Elektrofahrzeuge, autonomes Fahren.  Demnächst will VW seine Mobilitätsangebote sogar in einer eigenen Marke bündeln. Um dabei nicht jedes Rad neu erfinden zu müssen, haben sich die Wolfsburger mit 300 Millionen Euro am Uber-Konkurrenten Gett aus Israel beteiligt. Außerdem kooperieren sie mit Door2Door und anderen Startups. Ähnlich ist Daimler bereits vor einigen Jahren vorgegangen, indem der Konzern Anbieter wie myTaxi oder car2go erwarb.

Autohäuser in Not

Nun könnte man annehmen, dass zumindest der Weiterverkauf von Autos und das Aftersales-Geschäft eine Zukunft haben. Das ist grundsätzlich richtig. Die Frage ist aber, ob davon wie bisher primär diejenigen profitieren werden, die dieses Geschäft professionell betreiben. Die Rede ist von Autohäusern. Denn der verstärkte Wechsel zu wartungsarmen Elektrofahrzeugen wird sich auf die Auslastung ihrer Werkstätten auswirken. Bliebe noch das Gebrauchtwagen-Business. Doch auch dieses Geschäftsfeld haben junge Startups im Visier, wie sich auf der Bits and Pretzels zeigte. So bietet etwa die PelopsCar GmbH von Geschäftsführer Dr. Uwe Schwellbach aus Karlsruhe Garantien für Fahrzeuge an, die zwischen Privatleuten verkauft werden. Der expliziter Anspruch des jungen Unternehmens lautet: „Es gibt keinen Grund mehr, einen Gebrauchtwagen beim Händler zu kaufen.“ Es entspricht damit dem klassischen Startup-Motto „Cut out the middle man“.

bits and pretzels

Foto: Rockar

Auf der Bits and Pretzels 2016 waren Vertreter von Autohäusern nicht aufgefallen. Das verwundert allein schon aufgrund der Tatsache, dass sich dort potenzielle Disruptoren ihrer Geschäftsmodelle tummelten. Man hätte mit ihnen rechtzeitig ins Gespräch kommen können, hätte ihre Ideen prüfen und sich gegebenenfalls an ihren Firmen beteiligen können. Verwunderlich ist die Abwesenheit von Autohäusern auf der Bits and Pretzels auch deshalb, weil es in ihren Reihen sehr innovative Vertreter gibt. Beispielhaft sei die Mercedes-Benz-Vertretung in Passau genannt. Das Autohaus von Inhaber Josef Paul hat ein digitales Messwerte- und Bilderfassungssystem zur volldigitalen Fahrzeug-Annahme entwickelt. Jetzt interessiert sich der Hersteller Daimler für dieses innovative System.

International machen Hyundai und das Startup Rockar von Simon Dixon in London auf sich aufmerksam. In einem Einkaufszentrum präsentieren sich Hyundai und Rockar den Besuchern in einem Shop-in-Shop-Konzept. Kunden können ihr Auto dort digital kaufen oder Zuhause übers Internet. Angeboten wird das, was sich die Nutzer leisten wollen oder können. Dabei gibt es keine Verkaufsberater und somit keine Provisionen oder Boni.

Im Fokus von Rocket Internet & Co.

Startups brauchen in der Regel Geld von Investoren. Daher können sich Gründer auf der Bits and Pretzels auch mit Geldgebern verabreden. Den geeigneten Rahmen dafür boten in diesem Jahr kleine Tische im Festzelt Schottenhamel auf dem Oktoberfest. Der dritte und letzte Tag der „Founders Conference“ startete dort um 9:30 Uhr. Im Vorfeld konnten sich die Teilnehmer aus rund 250 Table Captains einen aussuchen, an dessen Tisch sie sich setzen und mit dem sie sich austauschen wollten. Natürlich waren auch Vertreter so bekannter Investoren wie Rocket Internet der Samwer-Brüder oder Inkubatoren der Medienindustrie wie Holtzbrinck Ventures anwesend.

Bits and Pretzels

Kleine Tische im Festzelt Schottenhamel mit Table Captains dienten der intensiven Kommunikation der über 5.000 Bits-and-Pretzels-Teilnehmer. Foto: Faust

Die haben die deutsche Automobilindustrie durchaus im Fokus ihrer Investitionen, insbesondere den Gebrauchtwagenmarkt mit seinem Marktvolumen in Höhe von 78 Milliarden Euro. So hat Rocket Internet zum Beispiel acht Millionen in das Online-Portal Dealerdirect von Mitgründer Niels Oude Luftikhuis investiert. Die russische DST Global bzw. die Mail.Ru Group, die Anteile in Höhe von zehn Prozent an Facebook hält, investierte zusammen mit Piton Capital, Cherry Ventures und Mutschler Ventures in das Berliner Startup Auto1 von Mitgründer Hakan Koç. Das junge Unternehmen gilt mittlerweile als Einhorn, da es von Analysten mit einer Milliarde Euro bewertet wird.

Fazit der Bits and Pretzels 2016

Zum Line-Up der Bits and Pretzels 2016 gehörte eine beeindruckende Keynote von Kevin Spacey zum Thema Storytelling. Der US-Schauspieler zelebrierte förmlich das, was man Content Marketing nennt: Vordergründig fesselte er mit seiner grandios vorgetragenen Lebensgeschichte, hintergründig machte der Star der NETFLIX-Serie „House of Cards“ als deren Markenbotschafter Werbung für den VoD-Dienst. Ein weiterer Hochkaräter war Richard Branson. Hinzu kam die Crew aus der deutschen TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“ (DHDL) sowie C-Level-Vertreter von airbnb, Uber, mymuesli etc.

Ansonsten präsentierten sich die genannten sowie weitere Startups mit Automotive-Relevanz. Diesbezüglich gilt also: Bits and Pretzels goes Automotive. Zumindest ist ein Anfang gemacht. Denn aus der Automobilindustrie war gerade einmal eine Firma unter den Table Captains vertreten: BMW i Ventures. Audi trat immerhin als Sponsor der Veranstaltung auf – als einziger OEM. In der begleitenden Ausstellung ging die Audi Business Innovation GmbH an den Start. Ihr Geschäftszweck besteht in der Entwicklung, im Aufbau, Vertrieb und Betrieb innovativer Konzepte, Produkte und Dienstleistungen sowie im Halten von Beteiligungen im Bereich Digitalisierung und Mobilität der Zukunft. Vor diesem Hintergrund erscheint das Interesse der Automobilindustrie an den Chancen dieser dreitägigen Vorzeige-Gründerkonferenz in jeder Hinsicht ausbaufähig. Nächste Chance: September 2017.

Titelbild: Faust

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About the Author

Dr. Dominik Faust CEO der viadoo Unternehmensberatung; Dominik Faust verfügt über langjährige Digitalerfahrung in Führungspositionen der Medien- und Kommunikationsbranche. Seit vielen Jahren berät er Manager auf C-Level. Zu seinen Spezialgebieten gehören Interimsmanagement, Identifikation von Synergiepotenzialen sowie deren Realisierung mittels wertschätzendem Change Management. Er studierte Internationalen Beziehungen, promovierte über die Effektivität und Effizienz von Organisationen und ist Dozent an mehreren Hochschulen.

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