Die neuen Intermediäre im Online-Autohandel - eCommerce Die neuen Intermediäre im Online-Autohandel - eCommerce
16. November 2016 Dr. Dominik Faust

Die neuen Intermediäre im Online-Autohandel

In der Startup-Szene der Silicon Valleys dieser Welt gilt das Motto „Cut out the middle man“. Damit wird der disruptive Prozess umschrieben, bei dem junge Unternehmen mit ihren Entwicklungen bestimmte Glieder von Wertschöpfungsketten überflüssig machen (Disintermediation). Im Gebrauchtwagenmarkt gibt es einen gegenläufigen Trend: Immer mehr Online-Plattformen schieben sich zwischen Käufer und Verkäufer, um ein Stück des Kuchens abzugreifen. Es sind die neuen Intermediäre im Online-Autohandel. Ihr Geschäftsmodell ist eines der beliebtesten und am meisten verwendeten im eCommerce.

Dass eCommerce-Startups den Gebrauchtwagenmarkt für sich entdecken, ist verständlich. Denn nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) wechseln hierzulande jährlich über sieben Millionen Fahrzeuge die Besitzer. Das Marktvolumen beträgt fast 80 Milliarden Euro. Die Einkaufsbörsen haben den Online-Autohandel in den letzten Jahren mit verändert. Händler können ihren Zukauf von Gebrauchten mit Hilfe der Plattformen professionalisieren. In der Folge schrumpfte der Anteil privater Anbieter zwischen 2014 und 2015 von 41 auf 39 Prozent. Er erreichte damit einen historischen Tiefstand.

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Auto1 GmbH aus Berlin

Eine der größten Player Europas im Online-Autohandel ist auto1.com der Auto1 Group. Das Startup wurde 2012 von Christian Bertermann und Hakan Koç in Berlin gegründet. Das Geschäftsmodell funktioniert folgendermaßen: Das Unternehmen kauft Autos primär von Privatleuten und lagert sie solange ein, bis sie an Händler weiterverkauft werden können. Nach eigenen Angaben haben sich mittlerweile über 18.000 Autohändler aus 23 Ländern Europas bei Auto1 angemeldet. Wer von Auto1 einen passwortgesicherten Zugang zur Datenbank erhält, kann in einem Fahrzeugbestand von über 10.000 geprüften Gebrauchtwagen suchen, auswählen und Gebote dafür abgeben. Die tägliche Fluktuation liegt bei 1.000 Fahrzeugen.

Befüllt wird der Fahrzeugbestand unter anderem über das Portal wirkaufendeinauto.de. Betrieben wird es von der WKDA GmbH, einem Tochterunternehmen der Auto1 Group. Innerhalb von zwei Jahren ist es gelungen, den Bekanntheitsgrad dieser Website im Markenhandel auf 41 Prozent hochzuschrauben. Diesen Wert ermittelte kürzlich das Institut für Automobilwirtschaft in Geislingen. Nach eigener Aussage ist WKDA mit bislang 235.000 gekauften und wieder verkauften Fahrzeugen die Nummer eins in Deutschland beim Ankauf von Gebrauchtwagen.

Auf der diesjährigen NOAH Conference der Axel Springer SE in Berlin präsentierte Mitgründer Hakan Koç aktuelle Zahlen. Demnach wurden über die Auto1 Group im ersten Quartal des laufenden Jahres über 67.000 Fahrzeuge verkauft – im Vergleich zu weniger als 20.000 im ersten Quartal des Vorjahres. Die monatliche Wachstumsrate stieg auf 24 Prozent und der Umsatz im Jahr 2015 auf 758 Millionen Euro. Kein Wunder also, dass die Auto1 Group von Analysten mit über einer Milliarde Euro bewertet wird und damit in der Startup-Szene als Einhorn des Online-Autohandel gilt.

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Dealerdirect GmbH aus Neuss

Angesichts des Marktvolumens in Höhe von 78 Milliarden Euro ist neben Auto1 noch genug Luft für Mitbewerber vorhanden. Das dachten sich wohl auch Vincent Stevens und Niels Oude Luttikhuis, die beiden Gründer von dealerdirect.eu. Nach Angaben des gleichnamigen Unternehmens in Neuss ist die Plattform das größte Online-Gebrauchtwagen-Portal für Autohändler in Europa „mit einem täglichen Angebot von über 2.000 zum Verkauf stehenden Automobilen“. Das Geschäftsmodell unterscheidet sich jedoch in einem wesentlichen Punkt von Auto1: Denn während die einen die Gebrauchten kaufen, vermittelt Dealerdirect die Fahrzeuge lediglich an die Händler. Mittlerweile sind europaweit über 11.000 von ihnen bei Dealerdirect registriert, rund 7.000 davon in den Niederlanden.

Seit Mai 2013 steht die Börse auch deutschen Händlern zur Verfügung, rund 2.500 von ihnen nutzen inzwischen das Angebot. Sie alle können in einer geschlossenen Auktion kostenfrei Gebote für die Gebrauchten abgeben. Basis ihrer Auswahl sind die Angaben der privaten Verkäufer, die ihre Fahrzeuge auf der Plattform ichwillmeinautoloswerden.de einstellen. Wer als Händler einen Zuschlag erhält, kann den Wagen vor Ort in Augenschein nehmen und gegebenenfalls nachverhandeln. Kommt ein Geschäft zustande, kassiert Dealerdirect eine Vermittlungsprovision vom Händler.

An den Erfolg des 2007 in den Niederlanden gestarteten Unternehmens glauben auch die Großen der deutschen Startup-Szene. So beteiligten sich die drei Samwer-Brüder im vergangenen Jahr mit ihrem Inkubator Rocket Internet an einem Acht-Millionen-Invest für das Startup. Die Gründer wollen damit ihre Marktposition ausbauen und in neuen Märkten wachsen.

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Carsale24 GmbH aus Solingen

Dass man die Marktführung ganz schnell verlieren kann, wissen alle Unternehmen, die als erste auf einem Markt präsent waren und Konkurrenz bekommen haben, die sie überflügelte. Diese Erfahrung ist Carsale24 nicht ganz fremd. Das Unternehmen wurde 2010 von Nikolai Roth mit aufgebaut und gilt in Deutschland als „Erster im Markt der Online-Inzahlungsnahmen“. Gründer Roth verkaufte seine Anteile im Jahr 2013 an die Christoph Kroschke GmbH. Mehrheitsgesellschafter sind seit 2015 die Geschäftsführer Lars Häger und Ulf Voigt.

Auch im Fall von Carsale24 geben Händler kostenlos Gebote für Gebrauchte ab, die sie erwerben möchten. Rund 1.200 sind auf der Plattform registriert. Grundlage für ihre Fahrzeugwahl sind Wertgutachten von Sachverständigen, die diese über die angebotenen Gebrauchten erstellen. Nimmt ein Verkäufer das Gebot eines Händlers für sein Fahrzeug verbindlich an, ist der bietende Händler zur Zahlung der jeweiligen Transaktionsgebühr pro Fahrzeug verpflichtet. Carsale24 kassiert abhängig vom Kaufpreis zwischen 50 Euro (netto) und 400 Euro. Bei Kaufpreisen über 30.000 Euro sind 1,9 Prozent des tatsächlichen Kaufpreises fällig.

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Easyautosale aus München

Ein Jahr nach Carsale24 wurde Easyautosale gegründet, das mittlerweile ein Service der AutoScout24 GmbH aus München ist. Händler, die sich auf der Plattform registriert haben, können innerhalb der Angebotslaufzeit von fünf Werktagen kostenlos Kaufangebote zu Gebrauchten abgeben, ändern oder löschen. Nach Ende der Laufzeit vorliegende Gebote sind verbindlich, und der Verkäufer hat bis zu zwei Werktage Zeit, sich für einen Bieter zu entscheiden. Ist der Verkäufer ein Autohändler und ist der Mindestverkaufspreis erreicht, wird das Auto nach Laufzeitende automatisch an den höchstbietenden Autohändler verkauft.

Gegenüber Easyautosale müssen Händler nach dem Kauf eines Gebrauchten eine Provision entrichten. Die Spanne reicht von 133,61 Euro (netto) bis 503,36 Euro. Bei Kaufpreisen über 30.001 Euro werden zwei Prozent des Kaufpreises als Provision fällig. Der Händler muss das Fahrzeug dann innerhalb von einer Woche beim Verkäufer abzuholen. Einen Termin vereinbaren beide Parteien untereinander.

Ausblick im Online-Autohandel

Im vergangenen Jahr sind weitere Einkaufsbörsen in den Markt getreten. So zum Beispiel Carzada aus München oder Carexgo aus Leipzig. Eine Sättigung des Marktes scheint noch nicht erreicht. Auch Autohäuser werden in dem Metier aktiv und starten als Online-Ankäufer wie die Rosier-Gruppe (Autosau.de) oder Auto Jesse (wirkaufen-ihrauto.de). Der Onlinemarktplatz mobile.de will sich ebenfalls in dem Geschäftsfeld engagieren. Und auf der Automechanika im September in Frankfurt kündigte der Vizepräsident des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK), Ulrich Fromme, an, dass der Verband demnächst eine eigene Plattform aufsetzen werde, an der alle 38.400 Mitglieder partizipieren könnten. Man darf also gespannt sein, wie sich der Markt mit den Online-Einkaufsbörsen weiter entwickelt.

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About the Author

Dr. Dominik Faust CEO der viadoo Unternehmensberatung; Dominik Faust verfügt über langjährige Digitalerfahrung in Führungspositionen der Medien- und Kommunikationsbranche. Seit vielen Jahren berät er Manager auf C-Level. Zu seinen Spezialgebieten gehören Interimsmanagement, Identifikation von Synergiepotenzialen sowie deren Realisierung mittels wertschätzendem Change Management. Er studierte Internationalen Beziehungen, promovierte über die Effektivität und Effizienz von Organisationen und ist Dozent an mehreren Hochschulen.

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