Medien-App Bohème liefert Content ins Café - viadoo Medien-App Bohème liefert Content ins Café - viadoo
27. Januar 2016 Dr. Dominik Faust

Medien-App Bohème liefert Content ins Café

„Wir arbeiten nicht mit Startups zusammen!“ „Euer Vertriebsmodell ist zu kompliziert!“ Mit solch ernüchternden Reaktionen großer deutscher Medienhäuser war Amadeo Gaigl konfrontiert, als er vor einem Jahr erstmals seine Idee präsentierte. Dabei hatte der 33-jährige Physik-Ingenieur etwas im Gepäck, wonach Produktentwickler moderner Verlage seit Jahren fieberhaft suchen: Eine attraktive Lösung für den digitalen Vertrieb hochwertiger journalistischer Produkte, die zur Markenbindung beiträgt. Weil er fest an das Konzept glaubte, ließ er sich von den anfänglichen Absagen nicht beirren. Mit guten Argumenten, Charme und Beharrlichkeit gelang es ihm schließlich, die Süddeutsche Zeitung, den Münchner Merkur und die tz sowie Zeitschriften aus dem WEKA Fachverlag für sein E-Commerce Startup zu gewinnen. Schon bald werden Titel aus dem Inhaltehaus Gruner + Jahr und der Bauer Media Group folgen. Die Idee: Die Location Based Reading App Bohème.

Paid Content in angenehmer Atmosphäre

Dahinter steckt im Kern die Transformation eines alten Marketingkonzepts ins digitale Zeitalter. Nämlich das Beliefern von Cafés mit Zeitungen und Zeitschriften, welche die Gäste kostenlos lesen dürfen. In Wiener Kaffeehäusern wird diese Tradition bis heute sehr gepflegt. Dort treffen sich Alt und Jung in angenehmer Atmosphäre auf eine Melange mit Medien. In Deutschland nutzen die Printangebote am Stock jedoch immer weniger Menschen. Die Menge ist so klein, dass sie vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) gar nicht erfasst wird, wie er auf viadoo-Anfrage mitteilte. Amadeo Gaigl ist allerdings überzeugt, dass dies nicht an den Inhalten liegt, sondern an der Verpackung:

„Ich glaube an die Zukunft des Qualitätsjournalismus und daran, dass Menschen auch künftig Paid Content auf ihren Smartphones und Tablets in angenehmer Atmosphäre nutzen werden.“

App und iBeacons

Aus diesem Grund hat Gaigl zusammen mit seinem Geschäftspartner Mohsen Fazeliniaki das System Bohème entwickelt. Es besteht aus der App sowie aus den vom stationären Einzelhandel bekannten iBeacons, die in Partner-Cafés angebracht werden. Die Funktionsweise des Systems ist schnell erklärt: Nutzer laden die App herunter, was kostenlos und ohne Registrierung möglich ist, und gehen in ein teilnehmendes Café. Dort erkennt sie das iBeacon-Leuchtfeuer und stellt ihnen kostenlos E-Paper der teilnehmenden Verlage bereit. Sobald die Gäste das etwa 30 Meter weit reichende Leuchtfeuer im Gastronomiebetrieb wieder verlassen, ist auch ihr Lesevergnügen beendet.

myboheme

Screenshots: Boheme Digital GmbH

myBohème Community und Location Wall

Damit ist jedoch nur die erste Ausbaustufe des Systems beschrieben. In einem nächsten Schritt soll eine Online-Community auf myBohème aufgebaut werden, über die sich die Nutzer zu interessanten Inhalten austauschen sowie einzelne Artikel weiterempfehlen und kaufen können. Dieser Ansatz erinnert an Blendle. Der Online-Kiosk für einzelne Artikel ist seit September auch in Deutschland verfügbar. Die Beiträge aus über 100 Titeln können dort einzeln gekauft und den Mitgliedern der Blendle-Community empfohlen werden. Doch während das Geschäftsmodell von Blendle Content von Verlagen zu Nutzern vermittelt, kommen bei myBohème noch die Gastronomiebetriebe als weitere Player hinzu. In der geplanten myBohème-Systemerweiterung sollen sie eine virtuelle Werbetafel erhalten. Auf dieser Location-Wall können sie Menükarten, Spezialangebote und andere Dinge individuell anpreisen.

Bohème Geschäftsmodell

Daraus ergibt sich am Ende folgendes Geschäftsmodell:

  • Verlage erhöhen die Reichweite ihrer E-Paper, was sich auf ihre erzielbaren Preise für Onlinewerbung auswirkt. Außerdem erhöhen sie den Absatz einzelner Artikel und ihrer E-Paper. Gleichzeitig zahlt das E-Commerce-Angebot auf die Markenbindung und den Markenwert der Verlage und ihrer Produkte aus. Über die Bewertungsfunktionen in der App erhalten sie zudem Insights über ihre Nutzer und können damit sowohl ihr Content-Angebot als auch ihr Werbeinventar anpassen.
  • Cafés erhöhen ihre Attraktivität durch ein modernes digitales Angebot, das mehr Gäste lockt, die zudem länger verweilen. Über die Community-Funktionen in der App erhalten sie Insights über ihre Gäste und können Angebote anpassen. Für die Nutzung des myBohème-Systems zahlen die Cafés eine regelmäßige Gebühr an das Startup, wobei kleine Individual-Cafés anders eingestuft werden als Franchise-Ketten.
  • Gäste profitieren von einem Marken-übergreifenden Digitalangebot an Titeln, das ihren geänderten Gewohnheiten der Mediennutzung entspricht. Außerdem können sie die hochwertigen Inhalte bequem und in angenehmer Atmosphäre konsumieren.

Vom Café in den Fernbus

Auch wenn Amadeo Gaigl und sein Geschäftspartner die Idee für myBohème in einem Wiener Kaffeehaus hatten und ihr System zunächst für Cafés konzipiert wurde, so bleibt es doch nicht auf gastronomische Einrichtungen beschränkt. Schon jetzt ist es am Zentralen Omnibus Bahnhof (ZOB) in München montiert, sodass wartende Passagiere dort kostenlos Zeitungen lesen können. In einem nächsten Schritt soll es in Fernbusse integriert werden, wodurch aus dem Location-Based-Reading ein Mobile-Based-Reading würde. Derzeit laufen entsprechende Verhandlungen mit einem Anbieter, der einst selbst von einem Medien-Inkubator, der HV Holtzbrinck Ventures Adviser, gefördert wurde. 

myboheme

Foto: Boheme Digital GmbH

Investoren auf Augenhöhe

Eine digitale Lösung wie Blendle hätte eigentlich von einem Gemeinschaftsunternehmen deutscher Verlage entwickelt werden können. Doch eine solche intermediale digitale Entwicklungskompetenz der Verlage, ihrer Vermarkter oder Grossisten gibt es nicht. Diese Lücke nutzen ursprünglich branchenfremde Entwickler als Chance und gründen Startups wie im vorliegenden Fall. Innovative Startups und Verlage brauchen einander und können sich daher auf Augenhöhe begegnen. Das gilt auch für Bohème. Es wurde bislang nur aus Bordmitteln entwickelt. Jetzt sucht das Gründerteam um Amadeo Gaigl einen Investor, der das Potenzial des Systems erkennt und das Startup dabei unterstützt, das plurale Markenangebot der App weiter auszubauen.

Eine Chance für Verlage

Gestern hat der BDZV seine Trendstudie 2016 veröffentlicht. Demnach wollen 70 Prozent der Verlage in Deutschland dieses Jahr ein Angebot für junge Leser schaffen. Gleichzeitig wollen 59 Prozent  ihre wertvollen Inhalte über Aggregatoren wie Blendle oder Plattformen wie Facebook Instant Articles verbreiten. Darüber hinaus soll 2016 die Markenbildung weiter im Fokus des Kerngeschäfts der Verlage stehen, während sie sich abseits davon noch stärker im E-Commerce strategisch engagieren wollen. Unser Eindruck als Unternehmensberatung für Medienunternehmen und Markenunternehmen ist, dass Lösungen wie myBohème exakt diesen Trends entsprechen und eine Chance für innovative Verlage darstellen. Die Aussge „Wir arbeiten nicht mit Startups zusammen“ ginge dann allerdings gar nicht. 

Titelbild: viadoo GmbH 

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About the Author

Dr. Dominik Faust CEO der viadoo Unternehmensberatung; Dominik Faust verfügt über langjährige Digitalerfahrung in Führungspositionen der Medien- und Kommunikationsbranche. Seit vielen Jahren berät er Manager auf C-Level. Zu seinen Spezialgebieten gehören Interimsmanagement, Identifikation von Synergiepotenzialen sowie deren Realisierung mittels wertschätzendem Change Management. Er studierte Internationalen Beziehungen, promovierte über die Effektivität und Effizienz von Organisationen und ist Dozent an mehreren Hochschulen.

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