Change Curve: Achterbahn der Gefühle in der Corona-Krise

20. März 2020 Dr. Dominik Faust

Change Curve: Achterbahn der Gefühle in der Corona-Krise

Was macht die Corona-Krise eigentlich mit uns? Wir von der Changeberatung viadoo folgen dem Rat der Experten und bleiben seit geraumer Zeit im Home-Office. Gleichzeitig sind wir digital so gut aufgestellt, dass wir unsere Mandanten auch weiterhin bestmöglich unterstützen können. Wir tun dies etwa mit der Entwicklung von Konzepten für Change Consulting, Change Management und Change Communications. Doch es bleibt ein mulmiges Gefühl. Was kommt noch auf uns, unsere Familien, Freunde, Kollegen, Geschäftspartner zu? Welche wirtschaftlichen Folgen werden unsere Mandanten und wir als Unternehmen davontragen? In solchen Situationen gehen wir Menschen durch ein Wechselbad der Gefühle und Leistungsfähigkeit, das am Ende einer J-Kurve gleicht. In der Change-Management-Lehre ist dieses Phänomen unter dem Begriff Change Curve bekannt. Normalerweise begleitet unser Team Organisationen durch diese Veränderungskurve. Dies tun wir im Rahmen von Veränderungsvorhaben, die in bestehende soziale Systeme eingreifen. In der aktuellen Corona-Krise gehen wir nun selbst durch diese Achterbahn der Gefühle.

Die Change Curve hat mehrere Eltern. Zu ihnen gehören der deutsche Psychologe Kurt Lewin, die schweizerische Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross sowie der deutsche Verhaltenswissenschaftler Richard K. Streich. Je nach Modell hat sie fünf bis acht Phasen. Wir von der Changeberatung viadoo arbeiten seit Jahren mit sieben Phasen und visualisieren die Emotionen mit Emojis. Die J-Kurve ergibt sich, indem wir den Einfluss der Emotionen auf die Leistungsfähigkeit eines Menschen auf der Y-Achse und die Zeit auf der X-Achse auftragen.

Change Curve

Die Emoji Change Curve der viadoo GmbH. Foto: © viadoo GmbH

Allerdings ist uns bewusst, dass ein Modell nur bedingt die Realität abbilden kann. Es dient vorrangig dazu, Verständnis dafür zu wecken, warum sich Menschen in Veränderungen so verhalten wie sie es tun. Wir versuchen, dieses Modell auf die Corona-Krise zu übertragen. Die hat für uns Menschen bislang drei wesentliche Veränderungen zur Folge: Wir müssen mit einer existenziellen Bedrohung leben, unsere gewohnte Freiheit wird massiv eingeschränkt, unser persönliches Verhalten sollen wir freiwillig anpassen.

1. Change-Curve-Phase: Der Schock

Unsere Change Curve in der Corona-Krise beginnt mit einem Schock. Es tritt das ein, was bis dahin allenfalls für Experten klar war: Es ist eine Pandemie ausgebrochen, auf die wir nicht ausreichend vorbereitet sind! Das neue Coronavirus (SARS-CoV-2) ist hochansteckend. Deshalb geht das Robert-Koch-Institut davon aus, dass gut zwei Drittel der Deutschen an der Coronavirus-Krankheit-2019 (COVID-19) erkranken werden. Das wären über 55 Millionen Menschen. Derzeit gibt es weder Medikamente zur sicheren Therapie noch einen Impfschutz gegen das Virus. Letzterer ist zudem nicht vor 2021 zu erwarten, also nach heutigem Stand auch noch nicht zur nächsten klassischen Grippesaison im kommenden Herbst und Winter. Zudem geht von diesem Virus für Menschen ab 60 sowie für Menschen mit Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko aus.

Als wenn das noch nicht schockierend genug für uns ist, müssen wir zudem erkennen, dass die Kapazitäten unseres Gesundheitssystems begrenzt sind. Gehen wir der Einfachheit halber davon aus, dass etwa ein Prozent der Erkrankten stationär behandelt werden müssten, wären das über 500.000 Menschen. Da die hiesigen Kliniken niemals einen solchen Ansturm auf einmal versorgen könnten, müssen wir die Verbreitung des Virus verlangsamen (#FlattenTheCurve). Das gelingt nur, wenn wir analoge Sozialkontakte (#SocialDistancing) weitgehend aussetzen. Dazu wurden bereits Schulen, große Unternehmen sowie kleine Geschäfte geschlossen. Viele von uns sehen sich nun neben einer gesundheitlichen auch einer wirtschaftlichen Bedrohungslage ausgesetzt.

Mehr Schock geht eigentlich kaum.

2. Phase: Die Verneinung

Change Curve Corona-Krise

Öffentliches Facebook-Profil aus der Reisebranche. Screenshot: © Faust / viadoo GmbH

Nun könnte man annehmen, dass wir Menschen nach dem Schock in eine Starre verfallen und dadurch unsere Performance rapide sinkt. Doch das Gegenteil ist der Fall! Schauen wir dazu auf das bisher Geschehene: Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, haben viele von uns anfangs gedacht, das Coronavirus sei ein Problem für das Ursprungsland China. Dabei hatten die Medien bereits am 28. Januar gemeldet, dass sich ein 33-jähriger Mitarbeiter des Automobilzulieferers Webasto in Stockdorf mit dem Coronavirus infiziert hatte. Das Unternehmen mit seinen rund 14.000 Mitarbeitern schloss daraufhin die Firmenzentrale für zwei Wochen, um so das Virus einzudämmen. Man durfte also davon ausgehen, dass viele Menschen bereits Ende Januar wussten, dass das hochansteckende neue Coronavirus in Deutschland angekommen war.

Dessen ungeachtet verneinten viele Menschen die Existenz eines gesundheitlichen Risikos für sich und schraubten ihre Aktivitäten in die Höhe: In den Faschingsferien feierten sie dicht gedrängt Karneval und fuhren zu Abertausenden in den Skiurlaub nach Italien und Österreich. Noch als Anfang März kurzfristig Messen wie die ITB in Berlin abgesagt wurden, ging bei vielen die Phase der Verneinung und des Aktionismus weiter. Bei manchen Berufsgruppen trieb sie besondere Blüten. Dazu zählten Vertreter des Reise-, Hotellerie- und Gaststättengewerbes. Als weithin sichtbares Zeichen ihrer Verneinung notwendiger Changes garnierten sie ihre Bilder in sozialen Medien mit dem Slogan „Ich reise trotzdem“.

Dieses Verhalten mag auch dem anfänglichen Versuch von Wissenschaft und Politik geschuldet gewesen sein, die Pandemie durch das Unterbrechen einzelner Infektionsketten zu stoppen. Jedenfalls wollten die Menschen mit ihrer verneinenden Haltung zeigen, dass die Dinge doch sehr gut ohne Anpassungsleistungen, ohne Einschränkungen der gewohnten Freiheit und Veränderungen im persönlichen Verhalten weiterlaufen. Das entsprach dem Modell der Change Curve.

3. Phase: Der Ärger

Das gilt auch für die nächste Phase, in der sich heute am 20. März 2020 wohl die meisten Menschen hierzulande befinden: In der Phase des Ärgers. Sie folgt aus der rationalen Erkenntnis, dass sich irgendetwas ändern muss, dass jedoch keine schnelle Lösung in Sicht ist. Ärger über verordnete Veränderungen mündet oft in Widerstand. Auch dafür hält die Corona-Krise Beispiele bereit. So widersetzen sich noch immer unzählige Menschen der dringenden Empfehlung des RKI und der Politik, analoge Sozialkontakte zu meiden. Stattdessen nutzten sie die aus guten Gründen verhängten „Corona-Ferien“ dazu, zu Tausenden auf die Zugspitze zum Skifahren oder auf Inseln an Nord- und Ostsee zu fahren. Auch zu privaten Parties in engen Räumen wird munter weiter eingeladen.

Das Fatale an den Phasen 2 und 3 ist im Fall des neuen Coronavirus Folgendes: Indem Menschen die existenzielle Bedrohung negieren und sich notwendigen Einschränkungen der Freiheit und Änderungen im Verhalten widersetzen, beschleunigen sie die Ausbreitung der Pandemie. Was als Wut oder ziviler Ungehorsam gestartet war, landet dann als egoistische Dummheit oder als dummer Egoismus auf der Intensivstation. So gefährden diese Menschen das Leben anderer und vielleicht sogar ihr eigenes. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat diese Woche in ihrer Fernsehansprache eindringlich auf die entsprechenden Zusammenhänge hingewiesen.

4. Phase: Die Depression

Nach Schock, Verneinung und Ärger stehen den meisten Menschen alle weiteren Emotionen der Chance Curve noch bevor. Die nächste Phase wird das Tal der Tränen sein. Dann werden sie endgültig begreifen, dass die Corona-Krise kein Alptraum, sondern bittere Realität ist. Spätestens in den Osterferien dürfte ihnen fehlende persönliche Kontakte  auf die Nerven gehen, wird ihnen die Decke auf den Kopf fallen. Die weiter steigenden Infektionszahlen werden sie mürbe machen. Die erzwungene häusliche Enge wird Konflikte zutage fördern. Viele werden damit fertig werden müssen, dass sie selbst oder ihnen nahestehende Menschen erkrankt sind. Zudem werden etliche von ihnen wirtschaftliche Einbußen erleiden oder gar vor dem finanziellen Ruin stehen.

Selbst wenn die Dinge weniger dramatisch verlaufen sollten als nach aktueller Lage anzunehmen ist: Ein Tal der Tränen werden noch viele Menschen durchschreiten. Doch die Phase der Depression und Trauer ist wichtig. Wir alle werden uns, unseren Mitmenschen, unseren Teams diese Zeit lassen müssen. Sie wird bei jedem unterschiedlich lange dauern. Auch wir von der Changeberatung viadoo müssen abwarten, wer aus unserem Team wann und aus welchen Gründen durchs Tal der Tränen gehen wird.

In Veränderungsvorhaben entscheidet das Durchleben dieser 4. Phase über deren Erfolg und Misserfolg. Denn ohne Fokus auf bewährte Dinge, die auch in Zukunft bleiben können, und ohne bewussten Abschied von Altem, das über Bord muss, können sich Menschen nicht nachhaltig Neuem zuwenden. Es besteht das Risiko, dass sie entweder zurück zur Verneinung (2. Phase) pendeln oder vom Ärger weiter zur Phase 5 springen.

5. Phase: Die Neugierde

Das führt uns zu den letzten drei Phasen unseres Modells. Ab hier akzeptieren Menschen eine Veränderung. Dabei können wir interessante Analogien zu Start-ups ziehen. Denn auch wir Menschen werden nach dem Tal der Tränen der Corona-Krise wieder durchstarten. In der 5. Phase erwecken wir durch die Akzeptanz die Neugierde in uns. Unsere Gier auf Neues also, auch wenn wir heute noch nicht wissen können, was genau das Neue sein wird. Als Individuen entwickeln wir neue Ideen, probieren sie aus, entwickeln neue Fähigkeiten und Verhaltensweisen. Und als Gesellschaft entwickeln wir vielleicht ein neues Miteinander. Oder ein neues Verständnis für die Grenzen der Globalisierung und des Wachstums? Eventuell sogar ein ebenso energisches Handeln bei anderen Herausforderungen wie Klimakrise, Pflegekrise, Rentenkrise?

Wer die Corona-Krise überstanden haben wird, wird sich mit entsprechendem Selbstbewusstsein wieder auf seine Stärken besinnen können. Das gilt auch für Unternehmer und Unternehmen. Branchen wie die BioTech, E-Learning und Themen wie Katastrophenschutz werden neuen Schwung und Bedeutung erhalten. Auch wir von der Changeberatung viadoo werden unser Business wieder hochfahren. Sicherlich mit zusätzlichen Ideen, weiteren Gleichgesinnten sowie vermutlich mit einem angepassten Selbstverständnis. Unternehmern und Unternehmen werden dabei die Finanzhilfen der EU, des Bundes und der Länder helfen, die in der Corona-Krise aufgelegt wurden.

6. Phase: Die Zuversicht

In der nächsten, der vorletzten Phase wird aus Akzeptanz Verständnis. Im angloamerikanischen Sprachraum sagen Kollegen, Menschen würden ab dieser Phase der Zuversicht die Veränderungen  regelrecht umarmen. Doch wie bei Start-ups üblich, werden auch wir Menschen bei unserem Neustart nach der Corona-Krise Rückschläge erleben. Das wird uns aber nur weiter stärken, denn dadurch werden wir zusätzlich wertvolle Erfahrungen sammeln. Hier gilt der Satz, dass nichts die eigene Entwicklung so hemmt wie dauernder Erfolg. So werden wir in dieser Phase voller Zuversicht bleiben und wie Start-ups Minimum Viable Products entwickeln und mit Kunden testen. Wir werden neue Formen des sozialen Umgangs und hoffentlich des Miteinanders schaffen.

Dabei werden wir verstehen, warum bestimmte Dinge funktionieren und warum andere scheitern. Wir werden wieder eine Fehlerkultur für das eigene Handeln entwickeln. Gleichzeitig werden wir Fehler aus der Corona-Krise keinesfalls wiederholen dürfen, sondern werden global aus ihnen lernen müssen. Die Qualität unserer Angebote und unsere eigene Leistungsfähigkeit werden dann mittel- bis langfristig über dem Niveau vor der Corona-Krise liegen.

7. Phase: Das Selbstvertrauen

Gänzlich über dem Niveau vor der Corona-Krise und damit vor den damit verbundenen Veränderungen werden am Ende der Corona-Krise auch die Systemleistungen unserer Organisationen liegen. Wir werden ein noch stärkeres Selbstvertrauen in unsere Kompetenzen, Fähig- und Fertigkeiten entwickelt haben – basierend auf dem erweiterten Repertoire unserer Emotionen, unseres Denkens und Handelns. In dieser Schlussphase der Change Curve werden wir das eigene Verhalten immer besser an die neuen Rahmenbedingungen angepasst haben. Gleichzeitig werden wir weiter auf Denk- und Handlungsmuster zurückgreifen, die sich schon vor der Veränderung bewährt hatten, sodass sich unser Spektrum insgesamt erweitert haben wird.

Das Team der Changeberatung viadoo wünscht allen Leserinnen und Lesern Gesundheit!

Mögen Sie alle weiterhin gut durch die Change Curve der Corona-Krise kommen. 

Titelbild: Edvard Munch / Public domain

 

Dr. Dominik Faust

Dominik verfügt über langjährige Expertise und etliche Zertifikate in Leadership, Change Management und digitale Kommunikation. Im Top-Management hat er selbst Unternehmen restrukturiert sowie zahllose Prozesse und Strukturen optimiert. Er promovierte über notwendige Veränderungen internationaler Organisationen zur Steigerung ihrer Effektivität und Effizienz. Dominik ist Gastdozent für Change Management und Change Communications an mehreren Hochschulen. Auf diesen Gebieten berät er seit Jahren Manager auf C-Level. Mehr unter https://viadoo.de/dominik-faust/