Hoeneß-Abgang als Blaupause für Unternehmensnachfolge

18. November 2019
18. November 2019 Dr. Dominik Faust

Hoeneß-Abgang als Blaupause für Unternehmensnachfolge

Uli Hoeneß hat etwas geschafft, was vielen Top-Führungskräften im Mittelstand, aber auch in der Politik nicht gelingt: Hoeneß hat seine Nachfolge rechtzeitig geregelt und so den von ihm veranlassten Change in der Führungsspitze des FC Bayern München e.V. (FCB) erfolgreich gemeistert: Am vergangenen Freitag wählten die Vereinsmitglieder Herbert Hainer, den Wunschkandidaten des bisherigen Präsidenten, mit überwältigenden Mehrheit zu dessen Nachfolger. Hoeneß war genau 40 Jahre für den wirtschaftlichen Erfolg des heute mitgliederstärksten Sportvereins der Welt verantwortlich, davon zehn Jahre als Präsident des FC Bayern München e. V. (2009 – 2019) und seit 2010 zusätzlich als Vorsitzender des Aufsichtsrats der FC Bayern München AG (Fußballabteilung). Eignet sich dieser Wechsel als Blaupause für die Unternehmensnachfolge?

Sicher ist, dass fast jeder zweite Inhaber oder Seniorchef erst gar keinen geeigneten Nachfolger findet. Das ist eine Erkenntnis des Deutsche Industrie- und Handelskammertag e. V. (DIHK) und mag auch damit zusammenhängen, dass die Ansprüche mancher Senioren an die Nachfolger sehr hoch sind. Hinzu kommt ein weiteres Versäumnis vieler Chefs: Sie haben den Wechsel nicht rechtzeitig vorbereitet. Hier liegt die Quote laut DIHK immerhin bei 43 Prozent (vgl. Tabelle). Und 36 Prozent, das ist mehr als jeder Dritte, können emotional nicht loslassen. Ohnehin unterschätzen die Betroffenen, dass Emotionen bei der Unternehmensnachfolge eine große Rolle spielen. Sie sind nach Erkenntnissen des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) eine der häufigsten Ursachen für das Scheitern von Generationswechseln.

Grundsätzlich sollten mittelständische (Familien-) Unternehmen fünf Jahre für den Wechsel an ihrer Spitze und damit für die Unternehmensnachfolge einplanen. Diese Zeit wiederum lässt sich in vier Phasen gliedern. Zunächst geht es darum, die Firma oder Organisation fit für die Zukunft zu machen oder zu halten. Bei Mergers und Acquisitions (M&A) ist das die Zeit, in der die Braut hübsch gemacht wird. Geschäftsmodelle werden überprüft, Bedarfe für Investitionen ermittelt und diese getätigt. Zwei bis drei Jahre vor der Übergabe sollte dann mit der aktiven Suche eines Nachfolgers oder einer Nachfolgerin begonnen werden. Findet er oder sie sich im eigenen (Familien-) Unternehmen, sollte die Frage nach eventuell noch notwendigen Qualifizierungsmaßnahmen gestellt werden. Die dritte Phase besteht aus einer individuell festzulegenden Übergangsphase. Dadurch lernen die Nachfolger sukzessive die inneren und äußeren Strukturen eines Betriebs kennen. Das BMWi empfiehlt die Vereinbarung gemeinsamer Spielregeln sowie die Definition genauer Aufgaben- und Verantwortungsbereiche, die nach einem vereinbarten Zeitplan Schritt für Schritt übertragen werden. Die vierte und letzte Phase ist eigentlich nur der Akt der Übergabe.

Bezogen auf den Wechsel an der Spitze des FC Bayern München nach 40 Jahren lassen sich diese vier Phasen grob wie folgt beschreiben:

Phase 1: Hoeneß macht FCB fit für die Zukunft

1979 beendet Uli Hoeneß verletzungsbedingt seiner Karriere als Stürmer und startet im Alter von 27 Jahren als Manager des FC Bayern München e.V. unter dem damaligen Präsidenten Willi O. Hoffmann. In dieser Zeit erwirtschaftet der Verein mit seinen 20 Beschäftigten einen Jahresumsatz in Höhe von zwölf Millionen D-Mark. Mit Abstand größter Erlösposten sind die Einnahmen aus dem Spielbetrieb. Die Heimspiele der 1. Bundesliga und des DFB-Pokals finden seit 1972 im damals neuen Münchner Olympiastadion statt. Da dessen Plätze nur zum Teil überdacht sind, ist die Höhe dieser Erlöse stark abhängig vom Wetter. Die Zuschauerzahlen liegen in den 70er und 80er Jahren bei über 30.000 Menschen, bei Regen liegen sie deutlich darunter. Zudem drücken den FCB bei Hoeneß‘ Amtsantritt Schulden in Höhe von rund sieben Millionen DM.

Angesichts dieser Ausgangslage setzt sich der neue Manager im Laufe seiner Kariere mindestens vier große wirtschaftliche Ziele, um den Verein fit für die Zukunft zu machen und zu halten:

    1. Er will den FCB aus der finanziellen Abhängigkeit von den Zuschauerzahlen befreien.
    2. Er will den FCB schuldenfrei machen und halten.
    3. Er will den FCB durch entsprechende Transfers sportlich und ökonomisch erfolgreich machen.
    4. Er will den FCB in den Besitz eines eigenen Stadions bringen.

Im Laufe der kommenden 40 Jahre setzt er diese Ziele um. Am schnellsten gelingt es ihm, die Schulden los zu werden. Dazu verkauft er 1984 einen der damals besten Stürmer der Welt, Karl-Heinz Rummenigge, an Inter Mailand für elf Millionen DM. Das ist zu dieser Zeit der teuerste Transfer der Welt nach dem von Diego Maradona. Mit dem Erlös tilgt er die Schulden und kauft neue Spieler ein. Darunter Lothar Matthäus, den er für 2,4 Millionen DM von Borussia Mönchengladbach bezieht. Insbesondere dank dieses Transfers sichert sich der FCB 1985, 1986 und 1987 die Deutsche Meisterschaft und 1986 sogar das Double. Danach verkauft Hoeneß den Mittelstürmer wieder und zwar für 8,4 Millionen DM ebenfalls an Inter Mailand. Wie wertvoll Matthäus in dieser Zeit auf dem Platz war, belegt unter anderem die Tatsache, dass er bis heute mit 150 Länderspielen deutscher Rekordnationalspieler und mit 75 Spielen Rekordspielführer der Deutschen Nationalmannschaft ist.

Während Uli Hoeneß also die Ziele 2 und 3 relativ schnell realisieren kann, dauert es mit den beiden anderen deutlich länger. Die Befreiung von der Abhängigkeit von den Zuschauerzahlen gelingt ihm dadurch, dass er sukzessive neue Erlösquellen erschließt. Dazu gehören unter anderem der Verkauf von Merchandising-Artikeln sowie der Abschluss von Sponsoring-Verträgen mit großen Unternehmen wie Deutsche Telekom, Hypovereinsbank, Paulaner. Im Jahre 2001 gliedert er die Fußballabteilung in eine eigene Aktiengesellschaft aus. Der FCB e.V. behält mit 75 Prozent die Zweidrittelmehrheit. Die größten Sponsoren Adidas, Allianz und Audi erwerben je 8,33 Prozent an der FC Bayern München AG. Heutzutage verteilen sich die Einnahmen der AG auf die folgenden Positionen:

Es bleibt noch das Ziel eines eigenen Stadions. Mit der Eröffnung der Allianz-Arena 2006 kann es Hoeneß zunächst nur zum Teil realisieren. Denn zu diesem Zeitpunkt muss sich der FCB die neue Spielstätte – wie bereits das Olympiastadion – noch mit dem Lokalrivalen TSV 1860 teilen. Erst als im Juli 2017 der Mietvertrag zwischen der TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA und der Allianz Arena München Stadion GmbH, einer 100-prozentigen Tochtergesellschaft der FC Bayern München AG, aufgelöst wird, sind die „Roten“ alleinige Hausherren der Arena. Phase 1 der Unternehmensnachfolge ist abgeschlossen.

Phase 2: Die Suche nach dem Richtigen

Nachdem er also 2017 alle wirtschaftlichen Großziele erreicht hat, begibt sich Uli Hoeneß allmählich auf die Suche nach einem geeigneten Nachfolger. Seine Wahl fällt irgendwann auf Herbert Hainer. Der 65-Jährige ist bereits seit 2002 Mitglied des Aufsichtsrats der FCB AG und hat ein enges Verhältnis zu Hoeneß. Beides ist für den Amtsinhaber sehr wichtig. Denn so kennt er sowohl die charakterliche als auch die fachliche Eignung des früheren Adidas-Chefs (bis 2016) aus erster Hand und aus eigener Anschauung. Beide verbindet eine enge Freundschaft: Hoeneß stand Hainer zur Seite, als 2006 eine seiner Töchter jung verstarb. Und Hainer besuchte Hoeneß im Gefängnis, als dieser dort 2014 für sein Steueraffäre büßte. Was den Bayern-Boss außerdem beeindruckt haben dürfte, sind seine Erfolge als CEO von Adidas: Hainer hatte den Börsenwert des Sportartikelherstellers aus Herzogenaurach innerhalb von 15 Jahren verzehnfacht, den Umsatz verdreifacht und den Gewinn verfünffacht. Nachdem Hoeneß also den geeignetsten Mann für seine Nachfolge gefunden hat, spricht er seinen Freund schließlich im Herbst 2018 auf das Thema an. Beide sind damals unterwegs zu einem Spiel der FCB-Basketballer. Hainer ist überrascht und nimmt sich eine viermonatige Bedenkzeit. Im März 2019 stimmt er dann zu, im November für die Wahl zum Nachfolger von Uli Hoeneß und damit für die Unternehmensnachfolge zur Verfügung zu stehen.

Phase 3: Eine Übergangsphase, die keine ist

Eine klassische Übergangsphase der beiden Protagonisten gibt es nicht. Sie ist allerdings auch nicht notwendig, da beide seit Jahren bereits kooperieren. In den Monaten vor der Wahl trifft sich Hainer regelmäßig mit Beschäftigten des FCB in der Säbener Straße. Dazu zählen auch Abteilungsleiter anderer Sportarten. Auf diese Weise macht sich der Nachfolger ein unmittelbares Bild von den Erwartungen und Bedürfnissen der Mitarbeitenden und bereitet sich so intensiv auf seine neue Aufgabe vor.

Phase 4: Unternehmensnachfolge geglückt

Am 15. November 2019 schließlich tritt Hoeneß wie angekündigt nicht mehr zu den turnusgemäßen Wahlen des FCB-Präsidiums an. Statt dessen schlägt er auf der Jahreshauptversammlung in der Olympiahalle München Herbert Hainer vor. Dieser wird von den 6.091 anwesenden Mitgliedern mit überwältigender Mehrheit zum neuen Präsidenten des FC Bayern München e.V. gewählt. Der reibungslose Wechsel an der Spitze des Konzerns und damit die Unternehmensnachfolge hat geklappt.

Fazit zur Unternehmensnachfolge

Das Beispiel Uli Hoeneß kann im Grundsatz als Blaupause für eine sorgfältig vorbereitete und gut organisierte Unternehmensnachfolge dienen. Wir von der Changeberatung viadoo haben Erfahrungen auf diesem Gebiet. So begleiten wir Unternehmen in der 1. Phase etwa bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und Strategien sowie bei der Optimierung von Prozessen. Wir tun dies mit agilen und narrativen Methoden wie Lean Startup, Pivoting, Co-Creation, OKR, narrative Momentaufnahmen. Ferner sind uns nicht zuletzt aus der Führungserfahrung unserer Berater etliche Fallstricke bekannt, die in der Phase 3 auftauchen können. So kennen wir die Auswirkungen, wenn in einer Übergangsphase keine gemeinsame Spielregeln sowie Aufgaben- und Verantwortungsbereiche definiert wurden. Wir wissen auch um das Risiko, dass der Vorgänger nach seinem Ausscheiden nicht der Versuchung widerstehen kann, bei weit reichenden Entscheidungen des Nachfolgers autoritär wieder einzugreifen. Dieses Risiko besteht insbesondere bei Familienunternehmen und stark hierarchisch strukturierten Organisationen. Doch auch auf solche Fälle kann man sich vorbereiten.

Wenn Sie Unterstützung bei einer Nachfolgeregelung benötigen, stehen wir Ihnen gerne für ein unverbindliches Erstgespräch zur Verfügung.

Foto: © Faust / viadoo GmbH

Disclaimer: Der Autor ist Mitglied des FC Bayern München e.V.

Dr. Dominik Faust

Dominik verfügt über langjährige Expertise und etliche Zertifikate in Leadership, Change Management und digitale Kommunikation. Im Top-Management hat er selbst Unternehmen restrukturiert sowie zahllose Prozesse und Strukturen optimiert. Er promovierte über notwendige Veränderungen internationaler Organisationen zur Steigerung ihrer Effektivität und Effizienz. Dominik ist Gastdozent für Change Management und Change Communications an mehreren Hochschulen. Auf diesen Gebieten berät er seit Jahren Manager auf C-Level. Mehr unter https://viadoo.de/dominik-faust/