Vertrauenskrisen: Neue Köpfe für den Wandel

30/11/2020 Dr. Dominik Faust

Vertrauenskrisen: Neue Köpfe für den Wandel

Warum Siemens, Commerzbank und Knorr-Bremse 2021 ihre CEOs auswechseln

Vertrauen ist eines der wichtigsten Kriterien für das Gelingen von Veränderungsvorhaben. Top-Down betrachtet, steht an erster Stelle das Vertrauen der Kapitalgeber und Anteilseigner in die Top-Manager und deren Strategien. Es folgt das Vertrauen der Beschäftigten in ihre Führungskräfte (und umgekehrt!) sowie in deren geplante Change-Projekte. Mindestens ebenso wichtig ist das Vertrauen unter den Mitgliedern des Top-Managements. Denn ohne dieses Vertrauen lassen sich dort keine offenen und konstruktiven Debatten führen. Diese sind jedoch erforderlich, damit aus ihnen Visionen für die Zukunft hervor gehen können, die wiederum in notwendige Wandelvorhaben münden. Doch obwohl diese Zusammenhänge hinlänglich bekannt sind, führen Misstrauen und dysfunktionale Führungsteams immer wieder zu Vertrauenskrisen auch in großen Unternehmen. Das zeigen prominente Beispiele der letzten Monate und Jahre.

Vertrauenskrisen bei der Knorr-Bremse AG:

Neues Vertrauen

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:KB_Hauptverwaltung.jpg

CEO für zehn Monate: Das Eulitz-Intermezzo

Im November 2019 war der damals 53-jährige Diplom-Ingenieur für Verfahrenstechnik, Bernd Eulitz, zum CEO des Münchner Zulieferers Knorr-Bremse AG berufen worden. Dessen Aufsichtsratsvorsitzender Prof. Dr. Klaus Mangold schwärmte seinerzeit über den Neuen: Als Vorstandsmitglied der Linde AG hat er in den letzten fünf Jahren maßgeblich die Entwicklung des Unternehmens geprägt und mit Weitsicht, Führungsstärke und Teamgeist das Geschäft international stark ausgebaut. Ich bin überzeugt, dass Herr Eulitz das Unternehmen gemeinsam mit dem bestehenden Vorstandsteam von Knorr-Bremse und mit strategischem Weitblick durch die dynamischen Märkte führen wird.“

Doch daraus wurde nichts. Im August dieses Jahres musste Eulitz wieder gehen. Wegen „tiefgreifender Meinungsverschiedenheiten zu Fragen der Führung“, hieß es in einer Pressemitteilung. Irgendwo in diesen nur zehn Monaten müssen der gepriesene Teamgeist und das gegenseitige Vertrauen auf der Strecke geblieben sein. Es heißt, der Neue habe insbesondere das Vertrauen seiner Vorstandskollegen Dr. Jürgen Wilder (Systeme für Schienenfahrzeuge) und Dr. Peter Laier (Systeme für Nutzfahrzeuge) nicht gewinnen können. Ihre Bereiche sind quasi als eigenständige Unternehmen organisiert, deren Aufsichtsräte die beiden jeweils vorstehen. Das dürfte jegliche Zusammenarbeit zusätzlich herausfordern.

Folge der Vertrauenskrisen: Low-Performance in der Krise

Doch eine Vertrauenskrise im Knorr-Bremse-Vorstand hatte schon vor dem Eulitz-Intermezzo existiert. Bereits unter dessen Vorgänger Klaus Deller galt das Gremium als zerstritten. So hatte Chefkontrolleur Mangold im Juni 2019 in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gesagt, er habe sogar darüber nachgedacht, einen Coach oder Therapeuten für den Vorstand zu engagieren. „Nach intensiven Gesprächen habe ich das aber wieder verworfen: Da war nichts mehr zu reparieren.“ So musste Deller abtreten. Wegen „unterschiedlicher Auffassungen von Führung und Zusammenarbeit“, hieß es 2019. Wie sich die Begründungen doch glichen.

Dabei war die Knorr-Bremse AG unter Deller im Herbst 2018 an die Börse gegangen und hatte sich danach positiv entwickelt. So stieg der Umsatz 2019 um 4,8 Prozent auf 6,94 Milliarden Euro. Der Gewinn wuchs um 8,2 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro und die Umsatzrendite erreichte 18,8 Prozent, was einem Anstieg um 0,4 Prozentpunkte entsprach. In dieser Situation übernahm Eulitz im November 2019 das Steuer. Doch dann kam Corona, und das Nutzfahrzeug-Business geriet unter Druck. Mitbewerber ZF Friedrichshafen übernahm den US-amerikanischen Erfinders der Druckluftbremse, Wabco. Eulitz kündigte zwar Ende Juni noch ein deutlich verschärftes Kostensenkungsprogramm mit Kurzarbeit und Personalabbau an. Aber das Vertrauen des AR-Chefs hatte er nicht mehr. Zwei Monate später war er weg.

Dr. Jan Michael Mrosik soll ab 2021 Vertrauenskrisen überwinden

Neues Vertrauen

Dr. Jan Michael Mrosik. Foto: Siemens

Für neues Vertrauen zum Aufsichtsrat und innerhalb des Vorstandes soll ab 1. Januar 2021 der 56-jährige Siemens-Manager Dr. Jan Michael Mrosik als CEO sorgen. Aufsichtsratschef Klaus Mangold hebt dessen „umfassende Kompetenz in der Führung komplexer Unternehmenseinheiten“ hervor. Aber auch seine Kommunikationsfähigkeit wird gefordert sein. Dass er dem persönlichen Austausch mit seinen Vorstandskollegen und Beschäftigten große Bedeutung beimessen wird, konnte man bereits 2017 in der Süddeutschen Zeitung nachlesen: Viele gute Gespräche möchte ich nur direkt führen, weil es menschlicher ist, wenn man zusammensitzt“, sagte Mrosik damals.

Mrosik wird Siemens just dann verlassen, wenn dort der Wechsel von Joe Kaeser zu Dr. Roland Busch finalisiert wird. Diese Personalie markiert auch den Beginn einer neuen Unternehmens- und Führungskultur. So sagte der designierte Siemens-CEO kürzlich im Handelsblatt-Podcast, man müsse heutzutage weniger hierarchisch lenken und interne Silos niederreißen. „Sie müssen in der Organisation Freiräume schaffen für Menschen, die neue Themen angehen.“ Die Kultur des Konzerns dahingehend zu verändern, gehöre zu seinen wichtigsten Aufgaben, so Busch weiter. Vielleicht bringt Jan Michael Mrosik etwas von diesem neuen Siemens-Spirit mit zu Knorr-Bremse. Ob das dort allerdings gewünscht ist, bleibt abzuwarten. Immerhin gelten Aufsichtsratschef Mangold und Großaktionär Heinz-Hermann Thiele als Anhänger klarer Hierarchien.

Drei Jahre Zeit für neues Vertrauen

Insbesondere der 79-jährige Thiele hat großes Interesses daran, dass es mit Knorr-Bremse unter dem neuen CEO wirtschaftlich bald wieder bergauf geht. Er hatte das Unternehmen in den 1980er-Jahren gekauft und zu einem international agierenden Konzern mit fast sieben Milliarden Euro Umsatz ausgebaut. In Sachen Digitalisierung hat der Zulieferer jedoch noch Nachholbedarf. Jan Michael Mrosik will sie nach eigenen Worten vorantreiben. Dabei kommen ihm nicht zuletzt seine Erfahrungen als Chef der Division „Digitale Fabrik“ von Siemens zugute. Drei Jahre Zeit soll er laut Vertrag haben, um neues Vertrauen zu schaffen und das Unternehmens weiter zu digitalisieren.


Vertrauenskrisen bei der Commerzbank AG:

Sitz der Commerzbank AG in Frankfurt. Foto: @ Faust / viadoo GmbH

CEO und Chefaufseher treten vorzeitig ab

Das Vertrauen mindestens eines wichtigen Shareholders hatten dieses Jahr auch CEO und Aufsichtsratschef der Commerzbank AG verloren. Nach heftiger Kritik von Aktionär Cerberus an schlechten Unternehmenszahlen quittierten Vorstandschef Martin Zielke und Chefkontrolleur Dr. Stefan Schmittmann Anfang Juli ihre Dienste. Im September folgte ihnen Privatkundenvorstand Michael Mandel und letzte Woche Firmenkundenvorstand Roland Boekhout. Es existiert zwar ein Konzept für ein hartes Sparkonzept mit rund 10.000 zu streichenden Vollzeitstellen. Doch diese Pläne liegen seit Sommer auf Eis. Der neue CEO wird sie prüfen, steht aber erst ab 2021 zur Verfügung. Dabei handelt es sich um den bisherigen Privatkundenvorstand der Deutschen Bank, Manfred Knof.

Folge 1 der Vertrauenskrisen: Aderlass digital-affiner Führungskräfte

Einer solch monatelangen Hängepartie wohnt in Veränderungsvorhaben stets das Risiko inne, dass Leistungsträger das Unternehmen verlassen. In den Change-Architekturen für unsere Mandanten berücksichtigen wir von der Changeberatung viadoo dies stets in unserem Risiko- bzw. Change-Management. Bei der Commerzbank ging das prompt schief. Dort gingen Best-Performer wie Frauke Hegemann von Bord. Sie war die Chefin der 1994 gegründeten Online-Tochter Comdirect Bank AG, die erst kürzlich von der Commerzbank übernommen wurde. Die 44-Jährige hatte eine Rückkehr-Option zum Mutterhaus, die sie jedoch nicht zog. Auch ihr Kollege Dr. Dominik Steinkühler, der als Bereichsvorstand für die Digitalisierung des Firmenkundengeschäfts zuständig war, verließ die Bank. Er war erst 2017 zu ihr gekommen und brachte Digitalerfahrung als Co-Founder des erfolgreichen Fintech-Start-ups Lendico mit. Weitere Best-Performer wie der Silicon-Valley-erfahrene Chief Analytics Officer Kerem Tomak und Bereichsvorständin Jenny Friese haben die Commerzbank ebenfalls verlassen.

Folge 2 der Vertrauenskrisen: Drohender Verlust der Unabhängigkeit

Dieser Aderlass des Managements mit zum Teil erheblichem Abfluss an Digitalkompetenz geschah mitten in der Corona-Krise. Sie verschärfe die ohnehin angespannte wirtschaftliche Lage der Bank zusätzlich: So kommen zu den geplanten Kosten für den Konzernumbau noch drohende Kreditausfälle hinzu. Verursacht durch die Pandemie-bedingte allgemeine Wirtschaftskrise. Das Geldinstitut verbuchte im dritten Quartal 2020 einen Verlust in Höhe von 69 Millionen Euro. Auch für das Gesamtjahr erwartet die Bank, erstmals seit 2012 wieder einen Verlust einfahren zu müssen. Den Ernst der ökonomischen Situation der Commerzbank bringen Beobachter und Analysten immer wieder so auf den Punkt: Ohne überzeugenden Umbauplan werde sie ihre Unabhängigkeit verlieren.

Manfred Knof soll ab 2021 Vertrauenskrisen überwinden

Neues Vertrauen

Manfred Knof. Foto: Allianz

Auf dem neuen CEO Manfred Knof lasten also hohe Erwartungen. Der 55-Jährige wird vom neuen Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Commerzbank, dem 67-jährigen Hans-Jörg Vetter, schon einmal als „erfahrener und umsetzungsstarker Topmanager“ charakterisiert: „Vor allem mit Blick auf die jetzt anstehenden Aufgaben in der Bank bringt er die notwendigen fachlichen und menschlichen Führungsqualitäten mit.“ Knof war bis 2017 Vorstandschef der Allianz Deutschland AG, dann soll er sich jedoch mit dem dortigen CEO Oliver Bäte überworfen haben.

Über sich sagt Knof, dass er als Führungskraft nur Rahmen setze und ansonsten auf die weiteren Fähigkeiten derjenigen vertraue, die mit ihm zusammenarbeiten. Chefkontrolleur Vetter möchte, dass der neue CEO auch die „vielen althergebrachten Strukturen“ der Commerzbank überwindet, die den heutigen Anforderungen und der Größe der Bank nicht mehr angemessen seien. Das dürfte sich mit dem Wunsch der Bundesregierung decken. Der Staat ist seit der Finanzkrise mit 15,6 Prozent größter Einzelaktionär der Commerzbank.

Vertrauen zu Aktionären, Management, Beschäftigten, Kunden

Für all diese und weitere Aufgaben wird Manfred Knof neues Vertrauen auf allen denkbaren Ebenen des Unternehmens und zu allen denkbaren Stakeholdern der Bank aufbauen müssen:

  • Der Exodus von Leistungsträgern hat gezeigt, dass etliche Top-Manager mit Digitalerfahrung, die die Bank eigentlich dringend braucht, kein Vertrauen mehr in die Zukunftsfähigkeit des Geldinstituts haben. Und das ausgerechnet mitten im digitalen Wandel. Wo doch künftig nur noch jene Banken überleben werden, die ihre Geschäftsprozesse digitalisiert, Strukturen verschlankt und einfach zu nutzende digitalen Angebote für eine moderne Ökonomie bereit halten. Hier dürfte der neue CEO auch dem Employer Branding eine angemessene Rolle zukommen lassen.
  • Einen Image-Boost für die Commerzbank und neues Vertrauen in ihr Haus benötigen auch die rund 40.000 Beschäftigten. Denn seit Monaten leben sie in der Angst, sie könnten zu den 10.000 Menschen gehören, deren Stellen gestrichen werden sollen. Wo längst eine ausgefeilte Change-Architektur existieren müsste, wo längst Management, Betriebsrat und Belegschaft einen konstruktiven Dialog über das Sparprogramm hätten beginnen müssen, da herrschen seit Monaten Funkstille und Stillstand – bedingt durch die lange CEO-Vakanz. Das wirkt sich nachweislich negativ auf Emotionen und Performance der Beschäftigten aus – und zwar zusätzlich zur parallel stattfindenden Achterbahn der Gefühle durch die Corona-Krise.
  • Die geplante Reduzierung des Filialnetzes von rund 1.000 auf dann noch knapp 200 Filialen (sowie 300 bis 400 so genannte Service-Points) dürfte auch die Privat- und Geschäftskunden der Commerzbank verunsichert haben. Auch zu ihnen wird Manfred Knof daher neues Vertrauen aufbauen müssen.

Vertrauenskrisen bei der Siemens AG:

Vertrauenskrisen

Siemens Neuperlach. Foto: @ Faust / viadoo GmbH

Schmiergeldaffäre und Kleinfeld-Abgang 2007

Vertrauenskrisen auf oberster Ebene haben auch bei Deutschlands Vorzeigeunternehmen Siemens Tradition. Erinnert sei etwa an den Abgang des vormaligen Chefaufsehers Heinrich von Pierer (selbst Siemens-CEO von 1992 bis 2005) im Jahre 2007 sowie an den Rücktritt von CEO Klaus Kleinfeld im Nachgang zur Schmiergeldaffäre. Weitere Akteure damals waren der Pierer-Nachfolger Gerhard Cromme (vormals ThyssenKrupp) sowie der stellvertretende Aufsichtsratschef Dr. Josef Ackermann, CEO der Deutschen Bank. Von einem Vertrauensverhältnis zwischen dem Vorstandsvorsitzenden und dem Aufsichtsrat konnte damals keine Rede mehr sein, wohl aber von einer tiefen Vertrauenskrise. Das Manager-Magazin nannte das Ganze damals einen „Putsch“ gegen Kleinfeld und schrieb: „Wohl noch nie hat ein so prominent besetzter Aufsichtsrat eines global tätigen Konzerns mit 475.000 Beschäftigten seinen eigenen Chef derart skrupellos demontiert, wie es nun Klaus Kleinfeld bitter erleben musste.“ Die Kleinfeld-Nachfolge trat im Juli 2007 der Österreicher Peter Löscher an.

„Siemens 2014“ und Löscher-Abgang 2013

Der neue CEO hatte es von Beginn an schwer. Er war der erste Vorstandsvorsitzende in der 160-jährigen Siemens-Geschichte, der nicht aus dem Unternehmen kam (Merck) und einen weitgehend branchenfremden Hintergrund hatte (Pharma). Lediglich mit dem Wachstumsmarkt Medizintechnik war er vertraut. Angesichts der Schmiergeldaffäre erschien seine Ernennung dennoch einigen Vorstandsmitgliedern als eine Befreiung. Sie schenkten ihm einen Vertrauensvorschuss und er agierte unter dem Motto „Aktiv zuhören und Vertrauen schaffen“. Doch die Vertrauenskrisen ließen sich nicht aufhalten. Denn Löscher baute den alten Tanker Siemens um, um ihn agiler für die Digitalisierung zu machen. Zudem setzte er das Programm „Siemens 2014“ auf, mit dem er sechs Milliarden Euro einsparen wollte. Dazu musste er an viele Besitztümer heran. Im Sommer 2013, als Konsequenz etlicher unternehmerischer Misserfolge, setzte der Aufsichtsrat Löscher vorzeitig ab.

„Vision 2020“ und die Erfolge von Joe Kaeser

Seine Nachfolge trat der bisherige Finanzvorstand Joe Kaeser an. Prominente Vertrauenskrisen im Vorstand wie bei seinen Vorgängern gab es bei ihm, der 1980 unter dem Namen Josef Käser in den Konzern eingetreten war, nicht. Vielmehr gelang es ihm, den Tanker im Rahmen seiner 2014 erarbeiteten „Vision 2020“ in drei wendigere Einheiten zu transformieren: Siemens Healthineers, Siemens Energy und die Siemens AG. Letztere hat nur noch drei Geschäftsbereiche: Digital Industries (Software für Industrie 4.0), Smart Infrastructure (Energieinfrastruktur und Gebäudetechnik) sowie Mobility (Zuggeschäft). Am 12. November dieses Jahres präsentierte Kaeser letztmalig die Geschäftszahlen. Darunter den mit 6,4 Milliarden Euro besten Wert für den Cash Flow seit zehn Jahren. Der 64-Jährige bleibt Siemens erhalten: als Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens Energy.

Dr. Roland Busch soll ab 2021 Vertrauenskrisen verhindern

Vertrauenskrisen

Dr. Roland Busch. Foto: Siemens

Der Wechsel von Joe Kaeser zu seinem Nachfolger Dr. Roland Busch wird formell erst im Frühjahr 2021 vollzogen. Doch er läuft bereits seit einigen Monate und zwar im Vergleich zu den erwähnten Wechseln der Jahre 2007 und 2013 völlig geräuschlos. Der 1964 in Erlangen geborene Busch ist promovierter Physiker und arbeitet seit 1994 bei Siemens. Er sieht in der Software-Entwicklung und im Thema Internet of Things (IoT) das größte Wachstumspotenzial für die Siemens AG. Alle Führungskräfte würden daher für das IoT-Geschäft fit gemacht, so Busch. Außerdem werde der Konzern im laufenden Geschäftsjahr (Beginn: 1. Oktober) rund fünf Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung (FuE) investieren.

Über mangelnden Vertrauensvorschuss kann sich Busch bislang nicht beklagen. So heißt es zum Beispiel aus dem Aufsichtsrat, Siemens sei bei ihm in guten Händen. Andere charakterisieren ihn als „außerordentlich überzeugende Persönlichkeit“. Dieses Prädikat ist für den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses in Wandelvorhaben besonders wertvoll. Und es gibt durchaus noch einiges zu verändern bei Siemens. Kaeser hat die Strukturen erfolgreich gewandelt, Busch wird nun den „Customer Impact“ und die Kultur an die neue Zeit anpassen müssen.

Vertrauen für mehr Empowerment und Growth Mindset

Bei Siemens läuft der Kulturwandel unter den beiden Stichworten „Empowerment“ und „Growth Mindset“. Letzteres ist eine Geisteshaltung, die auf die US-amerikanische Psychologin Carol Dweck zurück geht. Demnach sind sich Menschen mit einem Growth Mindset bewusst, dass sie ihre Lernfähigkeit ausbauen können. Sie wollen mit ihren Herausforderungen wachsen. Genau diese Haltung erwartet Busch von seinen Führungskräften. Sie beinhaltet auch eine bestimmte Offenheit, das Überwinden von Silo-Denken, eine Veränderungsbereitschaft und Fehlerkultur. Letztlich gehört auch dazu, dass Führungskräfte stärker aus Kundensicht und in Ökosystemen denken lernen.

Unter dem Stichwort „Empowerment“ subsumiert Siemens gewissermaßen die Rahmenbedingungen für das Growth Mindset. Dazu gehören viele Aspekte von New Work und ihre Folgen für Leadership, wie flache Hierarchien, kleinere Einheiten, crossfunktionale Teams und agilere Strukturen. „Wir müssen Freiräume schaffen für Menschen, die neue Themen angehen“, sagt Busch und dürfte damit unter anderem das Schaffen von Start-up-Strukturen und das Auflegen von Intrapreneurship-Programmen meinen, aus denen Innovationen entstehen können.

Fazit

Für all diese Veränderungen benötigt Roland Busch genau wie Jan Michael Mrosik und Manfred Knof das Vertrauen von Stakeholdern wie Aktionären, Management, Beschäftigten und Kunden. Die drei neuen CEOs können ab 2021 beweisen, dass sie das Vertrauen der verschiedenen Anspruchsgruppen verdienen. Vertrauen allein wird allerdings nicht ausreichen, um ihre verschiedenen Veränderungsvorhaben zum Erfolg zu führen. Vielmehr bedarf es dazu einer sorgfältigen Planung, einer ausgefeilten Change-Architektur sowie eines fein austarierten Konzepts für die interne Kommunikation. Dann lassen sich die Betroffenen in die Wandelvorhaben einbinden, von deren Notwendigkeit überzeugen, ihre Ängste und Reaktanzen nehmen.

Man darf den drei neuen CEOs daher schon jetzt alles Gute und viel Fortune wünschen!

Titelbild: Siemens (2), Allianz

, , , , , , , , , , , , , , , ,

Dr. Dominik Faust

Dominik verfügt über langjährige Expertise und etliche Zertifikate in Leadership, Change Management, digitale Kommunikation und Business Moderation. Als Führungskraft (+70 MA) hat er zahlreiche Wandelvorhaben initiiert und konzipiert. Aus misslungenen zog er wichtige Lehren, gelungene Changes realisiert er bis heute regelmäßig unter aktiver Einbindung der Betroffenen. Dominik promovierte über notwendige Veränderungen internationaler Organisationen zur Steigerung ihrer Effektivität und Effizienz. Auf Basis seiner breiten theoretischen und praktischen Change-Expertise berät er im viadoo-Team erfolgreich Führungskräfte auf C-Level.