Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß

11. November 2020 viadoo GmbH

Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß

ChangeTALK mit Risiko-Experte Prof. Dr. Matthias Müller-Reichart

Information und Kommunikation sind für das Gelingen von Veränderungsvorhaben entscheidend. Doch Transparenz sollte keine zusätzlichen Ängste hervorrufen. Deshalb achten wir von der Changeberatung viadoo in Wandelvorhaben besonders darauf, wann wir welche Botschaften in welcher Form über welche Kanäle an wen ausspielen. Unter anderem darüber sprachen wir in der neuen Folge unseres ChangeTALK mit Prof. Dr. Matthias Müller-Reichart, dem Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Risiko-Management der Wiesbaden Business School. Wichtige Erkenntnis: Der Mensch hat sich in den letzten Jahrhunderten in seiner Risiko-Wahrnehmung immer aversiver entwickelt. Das heißt, er bewertet negative Entwicklungen deutlich drastischer als positive (Reflection-Effect). Diese Tatsache sollte man im Change-Management und in der Veränderungskommunikation berücksichtigen.

Die gestiegene Aversion gegen Veränderungen im Allgemeinen und negativen Entwicklungen im Besonderen wird auch durch die Struktur des menschlichen Gehirns gefördert. Deshalb legen wir von der Changeberatung viadoo in Veränderungsvorhaben so großen Wert auf Storytelling und narrative Methoden. Denn wer Menschen überzeugen will, muss ihr Herz erreichen, und der Weg dorthin führt über das Gehirn. Denn dort treffen Informationen mit einer Geschwindigkeit von 0,07 Sekunden zunächst auf die Amygdala, wo gewissermaßen das Misstrauen angesiedelt ist. Dort findet die emotionale Einordnung von Gefahren bzw. Problemen statt, wird Angst ausgelöst, hat der Widerstand seine Wurzeln. Die gleiche Information trifft 0,03 Sekunden später (also insgesamt erst nach 0,1 Sekunde) auf den Präfrontalen Cortex. Dort ist quasi das Vertrauen angesiedelt, sind die Erfahrungen gespeichert, auf deren Basis wir Menschen rationale Entscheidungen treffen. Je nachdem, welche Erfahrungen wir in unserem Leben bereits gesammelt haben, überwiegen am Ende entweder Vertrauen oder Misstrauen.

Risiko

Wenn zu viel Information die Ratio überlagert

Prof. Dr. Matthias Müller-Reichart betrachtet diesen Aspekt unter anderem aus der Sicht des verhaltenswissenschaftlichen Risiko-Managements und der Statistik: “Rein mathematisch betrachtet, müssten unsere Ängste eigentlich sinken”, sagt er. Denn die Wahrscheinlichkeit für einen Krieg, eine Hungersnot oder andere negative Entwicklungen sei bei uns in Deutschland de facto gesunken. Doch durch die negative Aufladung von Informationen, die wir über die Medien erhalten, überlagere das limbische System den frontalen Cortex. Es siegt also die Emotion über die Ratio. Einen empirischen Beleg dafür liefert das aktuelle Angst-Barometer der R+V Versicherung. Demnach haben die Deutschen am meisten Angst vor einer gefährlicheren Welt, verursacht durch den bis Januar 2021 amtierenden US-Präsidenten Donald Trump. Den Hauptgrund für diese Angst sieht Professor Müller-Reichart in der häufigen Aufbereitung entsprechender Themen in den Medien. Auf diese Weise machten sich die Menschen gleichsam täglich Sorgen darüber, was noch alles passieren könne, bis hin zur Furcht vor neuen kriegerischen Auseinandersetzungen.

Das Risiko der Angst im Change

Welche Schlussfolgerung kann man aus dieser Erkenntnis für erfolgreiches Change-Management ziehen? Kann zu viel Information dem Erfolg von Veränderungsvorhaben schaden? Das sei eine schwierige Frage, räumt Prof. Dr. Matthias Müller-Reichart im Gespräch mit viadoo-Gründer Dr. Dominik Faust ein: “Grundsätzlich bin ich ein Fan von maximaler Transparenz. Und Transparenz ist notwendig, um richtige Entscheidungen treffen zu können. Auf der anderen Seite müssen wir sagen, je transparenter ein Sachverhalt ist, desto mehr treten sowohl seine positiven als auch seine negativen Elemente hervor.” Wenn sich nun durch maximale Transparenz ein deutliches Übergewicht negativer Aspekte zeige, dann ängstige das die Menschen. “Damit will ich allerdings nicht sagen, manchmal wäre es besser, weniger Information zu geben. Doch sind wir ehrlich: Früher, durch die damals geringeren medialen Möglichkeiten, waren die Werte des Angst-Barometers deutlich niedriger.” Dominik Faust erkennt darin den anhaltenden Wahrheitsgehalt des Goethe-Wortes: »Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.«

Für uns von der Changeberatung viadoo ist das die Bestätigung dafür, dass die Informationsdosis in Wandelvorhaben immer abhängig von der jeweiligen Unternehmenskultur sein muss und in der Verantwortung der Führungskräfte und Change-Manager gehört.

Im Wandel die Chancen hervorheben

Jedem Veränderungsvorhaben wohnen Risiken inne. Dabei handelt es sich nicht nur um das bekannte Risiko des Scheiterns, das rund 70 Prozent der Wandelvorhaben ereilt. Dazu erklärt Prof. Müller-Reichart: “Risiko ist per Definition das Nicht-Erreichen eines geplanten Zielzustandes.” Allerdings könne ein Zielzustand sowohl verfehlt (das gilt als Wagnis) als auch übererfüllt werden (das gilt als Chance). Deshalb sei es Aufgabe sowohl im Risiko-Management als auch im Change-Management, die Menschen positiv zu beeinflussen, “damit sie Veränderungen als Chance wahrnehmen und nicht als Wagnis.” Dazu empfiehlt der Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Risiko-Management, die positiven Aspekte von Veränderungsvorhaben herauszustellen.

Wir von der Changeberatung viadoo tun das auf unterschiedliche Arten in Veränderungsvorhaben. So machen wir zum Beispiel deutlich, dass Veränderungen nicht automatisch Verluste bedeuten müssen, sondern auch Hinzugewinne.

Hier die Aufzeichnung des kompletten ChangeTALK mit Prof. Dr. Matthias Müller-Reichart:

Foto: © Faust / viadoo GmbH

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