Gamescom: Gaming treibt die digitale Transformation

1. September 2018
1. September 2018 Dr. Dominik Faust

Gamescom: Gaming treibt die digitale Transformation

Die Gamescom hat wieder gezeigt, dass sich die wahren Game-Changer in der Gaming-Branche tummeln. Sie entwickeln längst nicht mehr nur Spiele zur Freizeitgestaltung. Immer öfter entstehen dort in Zusammenarbeit mit branchenfremden Playern innovative Produkte, die den digitalen Wandel vorantreiben. Beispiele dafür fanden sich auch heuer wieder in den Hallen der weltgrößten Messe für Computer- und Videospiele in Köln (370.000 Besucher). Wir haben uns auf der zehnten, der Jubiläums-Gamescom 2018 umgesehen, aber auch außerhalb.

Gaming-Probefahrt im 4D-Simulator auf der Gamescom

Das hatte es bis dato noch nicht gegeben: Ein Automobilhersteller stellt sein neues Performance-Fahrzeug als Europapremiere auf einer Computerspiel-Messe vor. Doch die in Köln beheimateten Ford-Werke haben genau das auf der Gamescom 2018 getan: Sie präsentierten in Halle 8 den neuen Ford Ranger Raptor. Natürlich war das Auto real vor Ort. Doch auf viel größeres Interesse des Publikums stießen die acht Forza-Gaming-Pods am Stand des Volumenherstellers. Auf den speziell für die Gamescom gebauten 4D-Rennsimulatoren konnten die Besucher den Raptor auf virtuellen Rennstrecken an seine Grenzen bringen. Der Pick-up war Bestandteil des vierten Teils der Forza Horizon Videorennspielserie für die Xbox von Microsoft. Wer die virtuelle Probefahrt erleben wollte, musste – wie an den meisten Ständen der 919 internationalen Aussteller – auch hier Geduld mitbringen.

Speziell für die Gamescom hatte Ford 4D-Simulatoren herstellen lassen. © Faust/viadoo 2018

Um den Wartenden das Schlangestehen zu versüßen, hatte sich Ford einen Anreiz einfallen lassen: Sie konnten eine Reise nach Großbritannien gewinnen, um einen Tag mit dem M-Sport Ford World Rally Team zu verbringen. In den vergangenen Jahren hatte der Hersteller auf der Gamescom einen Ford Focus RS im speziellen Forza-Look präsentiert. Im Laufe der Messe stellte er einen neuen Rekord für den „längsten Videomarathon eines Rennspiels“ auf: Gefahren wurde 48 Stunden mit einem virtuellen Ford GT auf einer digitalen Nachbildung der Rennstrecke von Le Mans. Zu gewinnen gab es ein echtes Ford Focus RS-Fahrerlebnis mit dem Rennfahrer Harry Tincknell.

Gaming: Daimler mit Bus-Simulator 18 auf der Gamescom

Ford war nicht der einzige Autobauer mit Gaming-Tool auf der Gamescom. So trat etwa der Premiumhersteller Daimler mit dem aktuellen „Bus Simulator 18“ an. Das von astragon Entertainment und stillalive studios entwickelte Spiel war erstmals auch für SONY Play-Station 4 und Microsoft Xbox One erhältlich. Gamer können damit ebenfalls virtuelle Probefahrten unternehmen. Und zwar am Steuer von detailgetreu nachgebildeten Mercedes‑Benz Citaro Stadtlinienbussen und Fahrzeugen der Setra MultiClass. Aus verschiedenen Innen- und Außen­perspektiven betrachtet, lassen sich die Busse zu jeder gewünschten Tageszeit und zu unterschiedlichen Wetterbedingungen auf verschiedenen Stadt- und Überlandrouten bewegen.

Daimler ist seit Jahren bereits auch auf scheinbar branchenfremden Messen vertreten. Zum Beispiel auf der International Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas oder auf dem Mobile World Congress (MWC) in Barcelona. Dort demonstrieren sie den Stand der Dinge beim Wettbewerb um die besten Innovationen in den automobilen Zukunftsfeldern Connected Car, autonomes Fahren, Carsharing und Elektromobilität. In diesem Jahr stellte Daimler auf der CES zum Beispiel die Weltpremiere des völlig neuen Infotainment-Systems Mercedes-Benz User Experience (MBUX) vor. Das neue System wird in der neuen A-Klasse, aber auch im neuen Sprinter angeboten und überzeugt durch seine intuitive Bedienung – fast wie beim Gaming auf der Gamescom.

Mit Gamification optimiert Audi die Weiterbildung

Auf der Gamescom waren vor einigen Jahren auch Verantwortliche der Trainingsabteilung von Audi. Allerdings waren sie dort nicht als Aussteller unterwegs, sondern auf der Suche nach Unterstützern für ihr eigenes Vorhaben. Es ging um die Entwicklung eines spielerischen Tools. Damit sollten Händler ihre Skills im Umgang mit Kunden im Rahmen von Gaming schulen können. „Gamification“ nennt sich das, was dahinter steht. Konkret geht es darum, typische Elemente von Computerspielen wie das Lösen von Aufgaben nach vorgegebenen Regeln in spielfremde Welten zu bringen. Die spielfremde Welt der Audi-Spiele-App ist der Showroom oder die Werkstatt eines der vielen Händlerpartner des Premiumherstellers.

https://www.youtube.com/watch?time_continue=11&v=TbsZxF45y_Y

Die Aufgabe des Spiels besteht darin, einen virtuellen Kunden bzw. eine Kundin möglichst gut und umfassend zu beraten. Konkret heißt das, den Kunden auf deren Fragen die „richtigen“ Antworten zu geben. Woran erkennt man falsche Antworten? Ganz einfach: Im Spiel dreht sich der Kunde einfach um und geht. Erfahrene Drehbuchautoren haben die Dialoge auch auf der Basis von Kundenfeedback erstellt. Nach Angaben des Herstellers würde es 30 Stunden dauern, würde der Computer alle Text vorlesen. Kein Wunder, denn es ist Material für über 66 Millionen verschiedene Dialoge programmiert. Pro Gespräch sind zwischen 1,4 und 2,1 Millionen mögliche Rede- bzw. Antwortkombinationen enthalten. Entwickelt hat das Gamification-Konzept der Audi AG zur Weiterbildung ihrer Händler-Partner die Straightlabs GmbH in Grünwald.

Virtual und Augmented Reality in der Realität

Es gibt Stimmen, die sehen die Bedeutung von Systemen, die virtuelle (VR) und erweiterte Realitäten (AR) erzeugen, schrumpfen. Vielleicht ist der Auftritt der Firma Airbus auf der Gamescom ein Indiz dafür. 2017 präsentierte der Luft- und Raumfahrthersteller auf der Spielemesse etwas versteckt in Halle 10.1, Reihe F AR-Systeme für Microsoft HoloLens. Damit konnten Besucher am Stand zum Beispiel virtuelle Triebwerke bestaunen und dank eingeblendeter Beschriftungen verstehen. In diesem Jahr präsentierte sich der europäische Marktführer stattdessen als Sponsor-Partner des Gaming-Teams „Out Of the Blue Team“ (OBB). Auf dem prominent platzierten Stand in Halle 5.1 konnten echte Spieler gegen die virtuelle „all-female League of Legends“ antreten.

Techniken zur Virtual und Augmented Reality sind aber nicht nur für Gamer interessant, sondern längst auch für Unternehmen – eben als Treiber der digitalen Transformation. Beispiele dafür gibt es unter anderem in der Logistik oder im Fahrzeug-Vertrieb. So hat Daimler erst kürzlich zur Markteinführung der neuen A-Klasse die AR-App „Mercedes cAR“ gelauncht. Kunden konfigurieren ihr Wunschfahrzeug auf dem Smartphone oder Tablet und lassen es sich dann in einer beliebigen Umgebung anzeigen. Eine vergleichbare Technik bietet schon länger IKEA seinen Kunden. Sie können ihre künftigen Möbelstücke mithilfe des Katalogs und einer AR-App in ihre reale Umgebung integrieren. 

Ein Tesla im Wohnzimmer. Mit der richtigen AR-App und dem passenden Smartphone ist das möglich. © Foto: Faust/viadoo

Gaming-Markt in Deutschland steigt auf 3,3 Milliarden Euro

Die genannten Beispiele für Gaming rund um die Gamescom zeigen die wachsende Bedeutung der Computerspiele als Treiber der digitalen Transformation. Nach Angaben des „game – Verband der deutschen Games-Branche e.V.“ hat der Markt für Computer- und Videospiele sowie Games-Hardware im vergangenen Jahr in Deutschland einen deutlichen Sprung nach oben gemacht: Demnach wuchs der Gesamt-Markt im Vergleich zum Jahr 2016 um 15 Prozent auf über 3,3 Milliarden Euro. Damit durchbrach der deutsche Games-Markt erstmals die Drei-Milliarden-Euro-Barriere. Der Markt für Spielekonsolen und Games-Peripherie ist 2017 besonders stark gewachsen: Er konnte um 26 Prozent auf 938 Millionen Euro zulegen. Auch der Umsatz mit Games für PC, Spielekonsole, Handheld sowie Smartphone und Tablet stieg 2017 deutlich: Während 2016 mit Spiele-Software noch rund 2,2 Milliarden Euro erzielt wurden, waren es 2017 knapp 2,4 Milliarden Euro – ein Anstieg von 12 Prozent.

Auch in Zukunft wird die Gaming-Branche Antrieb und Schmierstoff der digitalen Transformation sein. Und auch im Change Management halten entsprechende Systeme Einzug.

Titelfoto: © Faust/viadoo 2018

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Dr. Dominik Faust

Dominik verfügt über langjährige Expertise und etliche Zertifikate in Leadership, Change Management und digitale Kommunikation. Im Top-Management hat er selbst Unternehmen restrukturiert sowie zahllose Prozesse und Strukturen optimiert. Er promovierte über notwendige Veränderungen internationaler Organisationen zur Steigerung ihrer Effektivität und Effizienz. Dominik ist Gastdozent für Change Management und Change Communications an mehreren Hochschulen. Auf diesen Gebieten berät er seit Jahren Manager auf C-Level. Mehr unter https://viadoo.de/dominik-faust/

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