Accelerator - Beschleuniger der Medienindustrie Accelerator - Beschleuniger der Medienindustrie
29. Juli 2015 Dr. Dominik Faust

Accelerator – Beschleuniger der Medienindustrie

Im jüngsten Blogpost haben wir dargelegt, wie etablierte Medienunternehmen Startups unterstützen. Dabei lag der Fokus auf den Inkubatoren als Brutkästen, welche innovative Unternehmen mit Venture Capital und Sachleistungen unter die Arme greifen. Davon zu unterscheiden sind die Accelerator. Bei ihnen gibt es zwar auch Anschubfinanzierungen in der Seed-Phase, doch die fallen im Vergleich zu Inkubatoren gering aus oder existieren gar nicht. Beschleunigung erfahren Startups vielmehr durch intensive Betreuung und Zugang zu exklusiven Netzwerkpartnern. Markenunternehmen wie Microsoft, SAP, Deutsche Telekom, Allianz, Bayer, Scout24 legten etwa ab 2012 entsprechende Programme auf. Zuletzt hat die Deutsche Bahn einen entsprechenden Accelerator gegründet, der im September an den Start gehen wird. Bei den Medienkonzernen ergibt sich folgendes Bild:

Axel Springer Plug and Play Accelerator

Im Februar 2013 gründete der zweitgrößte private Medienkonzern in Deutschland, die Axel Springer SE in Berlin, einen eigenen Accelerator. Im Joint Venture mit dem US-amerikanischen Plug and Play Tech Center im kalifornischen Sunnyvale (Silicon Valley) richtet sich das Angebot der Axel Springer Plug and Play Accelerator GmbH insbesondere an Startups mit digitalen Innovationen – derzeit mit besonderem Fokus auf das Thema „Connected Car“. Seit 2014 legt ASPNP sein Förderprogramm dreimal im Jahr auf. Sechs sog. Klassen sind auf diese Weise seit 2013 entstanden. Darin wurden bisher zusammen 56 Startups unterstützt. Und die nächste Förderrunde steht bereits bevor.

Über einen Zeitraum von drei Monaten können Gründer Office Space im Herzen Berlins nutzen, Coaching-Angebote in Anspruch nehmen, an Workshops teilnehmen (zu Marketing-Themen etc.), sich mit relevanten Entscheidern vernetzen. Dazu gehören auch Investoren aus dem Silicon Valley, zu dem ASPNP nicht zuletzt durch seinen Partner sehr gute Verbindungen hat. Eine finanzielle Förderung von Startups erfolgt optional in Höhe von 25.000 Euro (gegen fünf Prozent Beteiligung am Stammkapital). Nach Abschluss des Förderprogramms haben Absolventen die Option, ihre Innovationen im Rahmen eines Demo Day vor Vertretern nationaler und internationaler Venture-Capital-Firmen zu präsentieren. Wer die Risikokapitalgeber überzeugt, profitiert von weiteren Investitionen etwa für die Series-A-Phase.

ProSiebenSat.1 Accelerator

Der drittgrößte private Medienkonzern in Deutschland, die ProSiebenSat.1 Media SE aus München, legte seinen Accelerator einen Monat vor Axel Springer auf. Auch bei der ProSiebenSat.1 Accelerator GmbH gehören Office Space (in Berlin!), Coaching, Mentoring und Networking zum Standard der ebenfalls dreimonatigen Förderprogramme. Wie bei ASPNP investiert auch der P7S1 Accelerator 25.000 Euro in jedes geförderte Startup – gegen eine Beteiligung in Höhe von bis zu fünf Prozent. Der TV-Konzern hat aber noch ein ganz spezifisches Zusatzangebot. So erhält jedes geförderte Startup Fernseh-Werbeplätze im Gesamtwert von 500.000 Euro auf den Kanälen der P7S1-Senderfamilie. Diese Finanzierung erfolgt in der Form eines Wandeldarlehens. Und während ASPNP primär digitale Innovationen fördert, konzentriert sich der P7S1-Accelerator auf Consumer Startups jenseits der Seed-Phase.

Firmenschild der ProSiebenSat.1 Media AG. Foto: Faust / viadoo GmbH

Firmenschild der ProSiebenSat.1 Media AG. Foto: Faust / viadoo GmbH

Mit dem P7S1-Accelerator werden pro Halbjahr bis zu fünf Startups gefördert. Rund 30 Gründungen haben das Förderprogramm bisher durchlaufen. Jede bekam 25.000 Euro. Im Vergleich zu den bis zu 15 Millionen Euro, die der P7S1-Inkubator SevenVentures in ein Startup investieren kann, sind das Peanuts. Es steckt eben ein etwas andere Modell hinter dem Accelerator. Das bestätigte kürzlich Dr. Jens Pippig, Founder und Managing Director des P7S1-Accelerator, auf einem Medientage München Special. Seinen Worten zufolge liegt der größte Mehrwert des P7S1-Accelerators darin, dass er den Startups exakt jene Ansprechpartner im komplex gegliederten eigenen Medienkonzern bereitstelle, die sie benötigten. Umgekehrt profitiere ProSiebenSat.1 von den Innovationen und Talenten der Gründer. Drüber hinaus könne der P7S1-Accelerator dem P7S1-Inkubator geeignete Startups für Anschlussfinanzierungen zuführen. Das ist vielleicht auch ein Grund dafür, dass der P7S1-Accelerator neuerdings enger mit Inkubatoren wie der HV Holtzbrinck Ventures Adviser GmbH kooperiert.

next media accelerator

Während bei den bisher genannten Acceleratoren jeweils ein Medienkonzern im Hintergrund steht, geht die in diesem Jahr gestartete next media accelerator GmbH aus Hamburg einen etwas anderen Weg. Unter Federführung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) haben zehn namhafte Investoren aus der Medienbranche (Magazin- und Zeitungsverlage, Werbeunternehmen, mediennahe Dienstleister etc.) einen Fonds aufgelegt. Daraus fördert der Accelerator fünf Startups über einen Zeitraum von sechs Monaten mit dem üblichen Support – wobei die Gründer auch vom potenziellen Zugang zu den 185 Gesellschaftern der dpa profitieren können. In den nächsten zwei Jahren sollen 20 Innovationen auf diese Weise unterstützt werden. Finanziell umfasst die Förderung bis zu 50.000 Euro pro Startup. Inhaltlich liegt der Förderfokus auf mediennahen Startups.

Die drei Programme des next media accelerator aus Hamburg. Screenshot: www.nma.vc

Die drei Programme des next media accelerator aus Hamburg. Screenshot: www.nma.vc

Während die Liste der Investoren derzeit noch nicht bekannt ist, lohnt sich ein Blick auf die Partner der next media accelerator GmbH. Darunter befinden sich unter anderem drei der vier AGFA Internet-Giganten, nämlich Google, Facebook und Amazon. Bekanntlich haben sie das News-Geschäft für sich entdeckt und suchen nun die Nähe zur Medienindustrie. Der Accelerator aus Hamburg bietet dafür ebenso eine gute Möglichkeit wie für alle anderen Partner, Investoren und dpa-Gesellschafter, von mediennahen Innovationen und Inspirationen der Startups zu profitieren. Vorteile sollen aber natürlich auch die Startups haben und so erhalten diese über next media neben den finanziellen Mitteln Werbebudgets bei Facebook, Google, Twitter & Co. sowie schnellere Anbindungen an die API-Schnittstellen der AGFA-Unternehmen, was Startups das Programmieren von Anwendungen erleichtert. Darauf machte kürzlich Jennifer Schwanenberg, Program Manager next media accelerator, auf einem Medienkongress in München aufmerksam.

Vogel Gründerwerkstatt

Abseits der großen Konzerne gibt es auch im mittelständischen Sektor der deutschen Medienindustrie Leuchttürme in Sachen Inkubatoren und Accelerator. Einer davon ist die Vogel Business Media GmbH & Co. KG (VBM) mit Sitz in Würzburg. Unter CEO Stefan Rühling hat das 1891 gegründete Unternehmen im vergangenen Jahr alte Druckereigebäude in eine Gründerwerkstatt umgewidmet und mit entsprechend ausgestattetem Office Space versehen. Der Vogel Accelerator fördert Startups, deren Geschäftsmodelle sich inhaltlich weitgehend mit den Themen des Fachmedienhauses decken. Neben den Büroflächen bietet er Mentoren, Expertenwissen, Netzwerk und Family-and-Friends-Finanzierung.

Das Vogel Gründerzentrum in den alten Maschinenhallen des Fachverlags. Foto: Vogel Business Media

Das Vogel Gründerzentrum in den alten Maschinenhallen des Fachverlags. Foto: Vogel Business Media

Einer der Köpfe hinter der Vogel Gründerwerkstatt ist der Director Vogel Future Group, Stefan Eiselein. Er berichtete kürzlich vor Medienexperten über die Erfahrungen, die sein Haus mit Startups gemacht hat und warum sich der Kooperationsaufwand lohnt. Eine der wichtigsten Lessons Learned war demnach das agile Projektmanagement. Hatte man früher eher mit dem Wasserfallmodell gearbeitet, in der einzelne Projektphasen der Reihe nach abgearbeitet wurden, hat man durch die Kooperation mit Startups gelernt, flexibel auf Moving Targets einzugehen. Auch bei der Entwicklung neuer Produkte hat Vogel von Startups profitiert, etwa hinsichtlich der Bedeutung von Kundenfeedback und iterativer Prozesse.

BayStartUp, MediaLab Bayern

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Foto: Faust/ viadoo GmbH

Zusätzlich zu rein unternehmerisch getriebenen Acceleratoren gibt es Beschleuniger, die auch auf staatlicher Initiative entstanden sind. Exemplarisch kann hierfür die BayStartUp GmbH in München genannt werden. Sie wurde Ende 2014 im Rahmen der Initiative „Gründerland Bayern“ des Bayerischen Wirtschaftsministeriums aus der Taufe gehoben, hat aber Wurzeln, die bis in die 90er Jahre reichen. Die BayStartUp bringt Startups und Kapitalgeber zusammen, wobei sie auf Kontakte zu rund 200 gelisteten Business Angels und zu etwa 100 institutionellen Investoren zurückgreifen kann.

Eigenes Geld investiert das Unternehmen nicht. Dafür fördert es mit Workshops und Netzwerkkontakten sowie mit Businessplan-Wettbewerben. Die Erfolgsbilanz von BayStartUp-Chef Dr. Carsten Rudolph und aller Beteiligten (auch der öffentlichen Hand) kann sich sehen lassen: Jährlich vermittelt das bayerische Finanzierungsnetzwerk bis zu 30 Mio. Euro Kapital an rund 25 Unternehmen in der Seed- und Wachstumsphase. Seit 1996 wurden 1.400 Unternehmen im Rahmen bayerischer Businessplan-Wettbewerbe gefördert. Sie schafften 11.000 neue Arbeitsplätze und erwirtschafteten einen Umsatz in Höhe von ca. einer Mrd. Euro.

Ein anderes Beschleunigungsprojekt aus dem Freistaat hat die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) unter Präsident Siegfried Schneider vor wenigen Wochen ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um das MediaLab Bayern, mit dem Ideen für Medien der Zukunft bereits im Keim entwickelt werden können. Das MediaLab will nach Information ihrer Leiterin Lina Timm Journalisten, Programmierer und Designer zusammen bringen. Es unterstützt innovationsfreudige Medienschaffende mit Open Coworking Space und mediennahe Startups mit Business-Coaching, Mentoring und einem Founders Fellowship in Form eines monatlichen Stipendiums. Dabei erhalten Studenten bzw. Auszubildende 600 Euro pro Monat und Absolventen 1.200 Euro für einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten. Eine Jury wählt die Stipendiaten aus den Bewerbungen aus.

Titelbild: DLR/Thilo Kranz (https://www.flickr.com/photos/48213136@N06/8967645060) [CC-BY 3.0] 2013, via Wikimedia Commons

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Dr. Dominik Faust Dominik verfügt über langjährige Expertise und etliche Zertifikate in Leadership, Change Management und digitale Kommunikation. Im Top-Management hat er selbst Unternehmen restrukturiert sowie zahllose Prozesse und Strukturen optimiert. Er promovierte über notwendige Veränderungen internationaler Organisationen zur Steigerung ihrer Effektivität und Effizienz. Dominik ist Dozent für Change Management und digitale Kommunikation an mehreren Hochschulen. Auf diesen Gebieten berät er seit Jahren Manager auf C-Level.

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