13/05/2011 Dr. Dominik Faust

Expedition ins Ungewisse

„Welche neue Medienwelt entdecken Verlage, Web und Social Media?“ lautete der Untertitel des media coffee München am gestrigen Donnerstagabend. Die Formulierung erinnerte etwas an Kleinkinder, die beim Spielen sich und die Welt entdecken. Eine durchaus passende Assoziation, denn in der Tat probieren Verlage, Redaktionen, Journalisten und Agenturen in Sachen Online-Kommunikation derzeit noch vieles aus. Manche legen ihren Schwerpunkt sogar primär aufs Beobachten.

Digitalgeschäfte jenseits des iPad

So prüft die etwa zwei Dutzend Mann starke Online-Redaktion des Süddeutschen Verlages noch immer, wie Facebook, Twitter & Co. in den normalen Nachrichten-Alltag integriert werden können. Da ist es nur konsequent, dass es für die Mitarbeiter noch kein Social-Media-Guidelines gibt. Während der Verlag also noch experimentiert und nach Optionen für Digitalgeschäfte jenseits des iPad sucht, schauen die Redakteure von sueddeutsche.de nach Angaben ihres Chefredakteurs Stefan Plöchinger anerkennend auf die Online-Aktivitäten ihrer Kolleginnen und Kollegen von der WAZ.

Printausgaben nur noch am Wochenende

Die Münchner Abendzeitung ist da etwas weiter, zumindest hat sie eine Vision davon, welchen Platz ihre Printausgaben in einer sich weiter digitalisierenden Medienwelt einnehmen können. Chefredakteur Arno Makowsky würde sein Blatt unter der Woche nur via App anbieten und am Wochenende als gedruckte Ausgabe. Denn am Wochenende hätten die Menschen mehr Zeit zum entspannten Lesen. Die Abendzeitung hat nur zwei Online-Redakteure, Inhalte für ihre Online-Auftritte werden von Print-Redakteuren erstellt, weshalb Makowsky von einer „integrierten Redaktion“ spricht. Die notorisch klamme Abendzeitung macht durch diese Bezeichnung sicherlich aus einer ihrer Nöte eine Tugend. Gleichzeitig hebt sie damit aber die antiquierte Trennung von Print und Online auf.

Höhere Einnahmen durch Bewegtbilder und Social Media

Wie komfortabler haben es im Vergleich dazu die Online-Redaktionen von Fernsehsendern. Ihre Inhalte (meist Videos) werden von den Nutzern weltweit immer mehr nachgefragt. Durch intelligentes Social-Media-Marketing können die Sender nach Überzeugung von Arnd Benninghoff, Vorsitzender der Geschäftsführung von SevenOne Intermedia, dem Multimediaunternehmen der ProSiebenSat.1 Group, ihre Quoten und damit ihre Einnahmen weiter erhöhen. Ein Grund für die Korrelation liegt darin, dass über TV-Inhalte in sozialen Medien überdurchschnittlich häufig diskutiert wird. So würden etwa 30 Prozent der Themen, die auf Facebook besprochen werden, durch Fernsehsendungen generiert. Auf dem Gebiet der Bewegtbilder steckt also noch viel Potenzial – auch für klassische Zeitungsverlage.

Neue Journalisten braucht das Land

Expeditionen ins Ungewisse der Online-Welt unternehmen aber nicht nur Verlage, Fernsehsender und Redaktionen, sondern auch Journalisten. Als Vertreter dieser Spezies war Richard Gutjahr auf dem Podium. Er sorgte während des Aufstandes in Ägypten in der Kommunikationswelt für Aufsehen, weil er als einer der wenigen Medienvertreter aus erster Hand aus Kairo berichtete. Aus freien Stücken und ohne Auftrag seines Arbeitgebers, des Bayerischen Rundfunks, reiste er aus Israel (wo er aus familiären Gründen viele Wochen des Jahres verbringt) ins benachbarte Ägypten. Von dort berichtete er live als Blogger von den Ereignissen, die er in der Bedeutung für das Land mit dem Mauerfall in Deutschland verglich.

Fazit

Die Veranstaltung bot interessante Einblicke, aber viel Neues erfuhr man nicht. Raum für Visionen für das „Ungewisse“, wie es im Titel hieß, blieb kaum. Streckenweise erhielten die Zuhörer, die die Podiumsdiskussionen auf den Münchner Medientagen in den vergangenen Jahren verpasst hatte, am Donnerstag im Haus der Bayerischen Wirtschaft gewissermaßen eine exzerpierte Version davon. Der Veranstalter, die dpa-Tochter newsaktuell, hat aus der Kritik vom vergangenen Jahr und zuletzt in Hamburg die Konsequenzen gezogen und auf eine ablenkende Twitterwall verzichtet. So konnte sich das Auditorium auf die spritzige Moderation von Thomas Knüwer und seine Gäste, darunter auch Petra Sammer von Ketchum Pleon, konzentrieren.

Foto: news aktuell GmbH

Dr. Dominik Faust

Der Autor verbindet operative Change-Leadership-Erfahrung mit hoher Methodenkompetenz sowie zertifizierte Veränderungs-Kompetenz mit multimedialer Storytelling-Expertise. Er verfügt über langjährige Expertise und etliche Zertifikate in Change Leadership, Change Management, digitaler Kommunikation und Facilitation. Als Führungskraft (+70 MA) und Top-Management-Berater hat er bereits zahlreiche Wandelvorhaben erfolgreich initiiert und konzipiert. Dominik promovierte über notwendige Veränderungen internationaler Organisationen zur Steigerung ihrer Effektivität und Effizienz. Auf Basis seiner breiten theoretischen und praktischen Change-Expertise berät er im viadoo-Team erfolgreich Führungskräfte auf C-Level.